Philosophisches Forum

Einige meiner Beiträge aus dem BookRix-Gruppen-Forum ‚Philosophisches‘.

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Über Euren Besuch und Eure Teilnahme dort im Forum würde ich mich freuen.

Ich philosophiere sehr gerne, und bin interessiert an einem Gedankenaustausch.

Wenn zwei Knaben jeder einen Apfel haben und sie diese Äpfel tauschen, hat am Ende auch nur jeder einen. Wenn aber zwei Menschen je einen Gedanken haben und diese tauschen, hat am Ende jeder zwei neue Gedanken.” (Platon)

Dieses Zitat fand ich bei http://www.spruchperlen.de

Philosophisches Forum

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Die jetzige Zeit hat dringenden Bedarf an Philosophie.

Die jetzige Zeit hat dringenden Bedarf an Philosophie.
Doch dass man die Philosophie vermisst – das bemerkt man erst, wenn man mit dem Philosophieren beginnt.

Die Philosophie als Mutter aller Wissenschaften – ist sie nun altersschwach und wird ins Altersheim abgeschoben?
Ihre Kinder sind groß und stark geworden: Die stolze Mathematik, die übermütige Medizin, die rasant voranschreitende Genetik und ihre unzähligen Geschwister: sie alle brauchen die Philosophie nicht mehr?
Haben sich abgenabelt von ihr. Frei und unbekümmert wollen sie jeder für sich auf eigenen Beinen stehen. Doch mitunter werden diese Beine ihnen schwach. Dann greifen sie taumelnd nach Halt.
Und wer fängt sie auf? Wer hat Rat in extremen Situationen, wenn keine Hypothese den neuen Durchbruch schaffen will? Dann berät sie die gute Mutter Philosophie, empfängt sie mit weiten Armen und gibt ihren Kindern die Möglichkeit mit erweitertem Blickfeld und mit verändertem Blickfeld auf sich selbst zu schauen.

Die Philosophie ist keine Landschaft, in der man einzelne Gebiete erkundet, erforscht, versteht und dann diese Gebiete herausreißt aus der Philosophie-Landschaft und sie zu eigenständigen Territorien und Staaten erklärt: das Hoheitsgebiet der Physik oder das der Biologie darf nimmermehr von der Philosophie betreten werden? Absolutes Besuchsverbot für die Philosophie!?

Vielmehr sind die einzelnen Wissenschaftsgebiete eingebettet in die Philosophie und verbleiben dort. Von dorther beziehen sie ihre Kraft und sind dort verbunden mit allen übrigen Wissenschaftsgebieten – und rege Kommunikation und Informationsaustausch kann stattfinden zwischen den Wissenschaftsgebieten untereinander. Man versteht sich, weil man die gemeinsame Sprache spricht, sich denselben Zielen verpflichtet fühlt: der Wahrheit und der Erkenntnis näher zu rücken – sich im gemeinsamen Verbund dieser Wahrheit schrittchenweise nähernd.

 

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Philosophie als Wissenschaft


Das philosophische Denken würde ich nicht begrenzen auf die Philosophie als Wissenschaft. Wer die Philosophie eingrenzen will in die Umzäunung, das Gehege einer wissenschaftlichen Disziplin, der sperrt sie ein und man kann sie bestaunen, so wie man seltsame Tiere in einem Zoo bestaunt. Die Philosophie ist frei, sie ist ein ‚Wildtier‘.

„What is it like to be a bat“ (Thomas Nagel). Wir können nur erfahren wie es ist, eine Fledermaus zu sein, wenn wir sie in einem Interview dazu befragen, sie Stellung nehmen lassen zu ihrem Jagdverhalten und ihrer hängenden Lebensweise. Hier mischt sich das Aufgabengebiet des Autors und des Philosophen: Er kann Bewusstseinsbühnen schaffen für die Nicht-Sprechenden, die Sprachlosen, kann ihnen Stimme und Gehör verschaffen.


Man muss sie sich wehren gegen jeden Versuch die Philosophie zu begrenzen und endgültig, definitiv festlegen, festnageln zu wollen. Dann wird sie unbeweglich, unflexibel und stirbt, so wie ein Bär, der in eine Bärenfalle getappt ist. Der Philosophie wurden schon viele Fallen gestellt. Hauptsächlich von religiöser Seite aus. Man wollte sie degradieren zur Magd der Theologie, als devote Dienerin solle sie ihr Leben fristen. Hah! Die Heiden hätten keine Religion? Nur die eine, bestimmte Sichtweise sei Religion und alles andere sei Aberglauben?

Nun, das mythische Denken hat uns selbst heute noch Vieles zu geben. Denn Denken in Ursymbolen ist für das Gehirn lohnenswert. Worte sind relativ jung und dem Gehirn nicht so vertraut. Was es kennt, das sind Bilder. Damit kann es arbeiten, Bilder mischen, verketten – Bildelemente untereinander austauschen: das ist ideal für unser Gehirn.

Wer nur noch in abstrakten Worten kommuniziert, der verliert sich im Worte-Wunderland. Schöne Wortgebilde, schillernden Seifenblasen gleich, die zerplatzen, wenn man sie mit der Realität in Berührung kommen lässt. Dazu neigt die Philosophie als Wissenschaft. Die engt den breiten Strom ein in unzählige kleine Bächlein und Kanälchen. Zurück zum breiten Strom, dem großen Fluss der Philosophie, der sämtliche Meere miteinander verbindet.

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Bildhafte Sprache


Mit der Gefahr sich im Worte-Wunderland zu verlieren, meine ich, dass das Menschen-Gehirn dem Nur-Abstrakten kaum zu folgen vermag. Es weigert sich wie ein Pferd, das man in einen Auto-Anhänger hineinziehen will – weigert sich, bäumt sich auf dagegen in einen Bereich geführt, eingezwängt zu werden, wo es nicht mehr seiner eigentlichen Bestimmung gemäß frei umhertollen kann – gewissermaßen auf der Weide des Denkens. Dort auf der grünen Weide des Denkens, dort sind Bilder, Symbole, dort wachsen Analogien. Davon nährt sich das Denken.

Es geht mir um die Verbindung der berechtigten, notwendigen, nützlichen Fachworte und ihrer Verkettung mit dem Bild. Linkes und rechtes Gehirn gleichzeitig ansprechen. Beiden Gehirn-Hemisphären Nahrung zuführen. Dann können sie einander verstehen, verstärken, kommunizieren. Warum immer die eine Gehirn-Hälfte ausblenden beim Kommunizieren?

Das gilt auch für das Selbstgespräch: ein Philosoph startet seine Überlegungen in einem Selbstgespräch, wagt sich dann hervor mit seinen ersten Denkergebnissen und präsentiert sie möglichen Gesprächspartnern. So auch hier in diesem philosophischen Forum.

Das Feedback ist wichtig, die Ergänzung, Korrektur durch andere Denker. So wie der Wissenschaftler seine Hypothesen aufstellt und sie dann der Wirklichkeit entgegenhält und überprüft inwieweit seine Hypothesen tauglich sind. Korrigieren, anpassen, neu formulieren – das kann die Philosophie von den übrigen Wissenschaften übernehmen, diesen Prozess.

Profitieren davon, dass der eine Fachwissen hat auf einem bestimmten Gebiet – doch wie kann man dieses bestmöglich nutzen?

Wenn die Fach-Eliten bewusst sich distanzieren wollen, die Nähe gar nicht suchen zu den Nicht-Fachgenossen, dann plaudern alle munter parallel aneinander vorbei – eine Elite versteht die andere nicht, und die babylonische Sprachenvielfalt ist erneut ausgebrochen zu schönster Blüte. Wenn wir diesen Turm je bauen wollen – das, was die Babylonier versucht haben, wirklich zu erreichen – dann müssen wir dieselbe Sprache sprechen – daran führt kein Weg vorbei. Und was wäre diese Sprache? Die Bilder-Sprache, das Umformen, Transfomieren der Worte, Sätze ins Bildhafte.

Darum auch werden Autoren wie Shakespeare oder Goethe weltweit verstanden. Ihre Sprache lebt von kräftigen Bildern. Aus diesen Bilder wachsen deutlich erkennbare Persönlichkeiten hervor, die – obwohl fiktiv – unser jetziges Leben maßgeblich mit beeinflussen. Hamlet, Faust, König Lear, Macbeth – sie alle wären blass und unscheinbar ohne die Kraft der Bildersprache, die sie verwenden. Selbst Jesus hätte es schwerer gehabt ohne seine bildhafte Sprache.

 

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Drei Arten des Denkens: philosophisch – wissenschaftlich – alltäglich.

Drei Arten des Denkens: philosophisch – wissenschaftlich – alltäglich.
Was zeichnet das philosophische Denken aus? Ist es seine Zielgerichtetheit – seine Art, eine Stufe nach der anderen zu begehen? Der Philosoph weiß ja nicht, was er sucht. Wie kann er dann zielgerichtet suchen?

Es ist ein Umherstöbern. Es ist so, als ob man sich in einer großen Öffentlichen Bibliothek umschaut: man ist neugierig auf das Angebot.

Der Marketingfachmann sagt: der Kunde weiß gar nicht so genau,was er eigentlich möchte. Erst wenn er das fertige Produkt sieht, dann kann der Kunde sagen: das gefällt mir, das kann ich verwenden, das macht Sinn für mich.

Der Philosoph ist also auf der Suche, so wie jemand beim Shopping. Man braucht nichts Konkretes, keinen Liter Milch oder ein Kilo Weintrauben. Es ist das Interesse am Angebot: was gibt es zu sehen in den Auslagen, was gibt es Neues. Der Philosoph betrachtet die Welt und alles was darin vorkommt als ein mögliches Shopping-Erlebnis. Könnte dieses Produkt mich interessieren, spüre ich eine Resonanz in mir, was muss ich verändern, damit ich diese Resonanz erzeugen kann?

Der Philosoph stromert so durch die Weltgeschichte und nimmt dieses und jenes in die Hand, betrachtet es und überlegt sich derweil, ob er das Produkt verwenden kann für ein neues Gedankengebäude, an dem er gerade arbeitet. Er hat unzählige solcher unfertigen Gedankengebäude – für sie alle benötigt er weitere Baustoffe, Baumaterialien. Seine Schwierigkeit ist, dass er nicht wie ein Techniker eine genaue Beschreibung geben kann von dem benötigten Bauteil. Keiner kann es für ihn anfertigen. Er kennt nicht die Maße und das Gewicht von dem, was er sucht.

Es hilft ihm, wenn er die Dinge nicht auf alltägliche Art betrachtet, sondern sie verfremdet, loslöst von ihren bisherigen Zusammenhängen und Funktionen. Wozu lässt sich ein Stuhlbein noch verwenden? Er kann lernen von Steinen, sie können ihn unterrichten. Durch Analogien spricht die Natur zu ihm. Er kann Vergleiche ziehen, Muster erkennen, und diese als Bauplan verwenden für ein neues Gedankengebäude.

Die Empathie, das Sich-Hineinversetzen-Können in Andere, verwendet der Philosoph nicht nur für Menschen, sondern auch für die Tiere, die Pflanzen, die unbelebte Natur. Er ist ein Schauspieler, ein Mime, der zu dem Baum wird, um ihn verstehen zu können, um das Gesetz zu durchschauen, dem der Baum gehorcht.

Es ist ein gänzlich anderes Vorgehen und Denken als das des Wissenschaftlers, des Biologen.
Auch das Alltags-Denken ist ein anderes: eignet sich das Holz von diesem Baum für Brennholz, lässt es sich gut mit der Axt spalten? Solche Gedanken – die Praxis betreffend – bestimmen das Alltags-Denken.

Jede dieser drei Denk-Arten ist erforderlich und hat ihre Daseinsberechtigung. Nur wird heutzutage das philosophische Denken als überflüssig betrachtet. Die Wissenschaft versorgt uns doch mit bombastischen Errungenschaften, wozu soll man diesen Prozess begleiten mit philosophischem Denken? Weil der Mensch schon immer sich selber fremd war in einem fremden Universum.

Sich vertraut zu machen mit dem Fremden – das kann einzig und allein das philosophische Denken. Es allein begreift und untersucht die Beziehungen, die die Dinge untereinander haben und die Beziehungen der Dinge zum Philosophen selbst. Sonst ergeht es uns wie dem Indianer, der zum ersten Mal Eisenbahn fuhr, und der sich fragte, ob seine Seele denn mitgekommen sei bei diesem Tempo.

Auf was der Blick des Philosophen fällt – ob Innenwelt oder Außenwelt – er betrachtet es mit ganzer Aufmerksamkeit und Achtsamkeit.
Einem Gegenstand ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, das schafft einerseits größere Vertrautheit mit diesem Gegenstand und andererseits wird dieser Gegenstand entfremdet, verfremdet, losgebunden von seiner bisherigen Zugehörigkeit, seinem Eingebundensein in sein Umfeld.

Wie ein Juwel hält der Philosoph diesen Gegenstand seiner Betrachtung empor und widmet sich ihm ausschließlich – vermag in einen Dialog mit diesem Gegenstand zu treten dank seiner Empathie, seiner Bereitschaft und Fähigkeit sich selbst für einen Augenblick zu vergessen, sein eigenes Ich aufzulösen und Eines zu sein mit diesem Gegenstand.

Der Philosoph wird zum Baum. Klingt lächerlich, aber mit dieser Technik hat es die Philosophie geschafft uns Menschen in den Bereich der Wissenschaft hinzuführen.
Mythen waren ein erster Erklärungsversuch.
Die Wissenschaft ist ein weiterer Erklärungs- und Deutungsversuch dieser Welt.
Darf der Philosoph aufhören und sich zur Ruhe begeben? Was liegt hinter dem Bereich der Wissenschaft?
Nur der Philosoph vermag als Pionier, als Späher sich aufzumachen – und das Fremde, das Unerkannte zu ergründen mit seiner Aufmerksamkeit und seiner Achtsamkeit.

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Gelassenheit – nicht ohne Nebenwirkungen

Positiv besetzte Worte – Worte, die man automatisch in die Kategorie ‚erstrebenswert, wünschenswert‘ einordnet – haben den Nachteil, dass man über sie nicht mehr viel nachdenkt. Die positive Gefühlszuwendung zu diesen Worten tritt automatisch ein.
Doch wie jedes Medikament auch Nebenwirkungen hat, so haben auch diese positiv besetzten Worte Nebenwirkungen, die mitunter gefährlich sein können.
Gelassenheit ist solch ein Wort.

Wo wäre Schiller gelandet, wenn er sein Leben in Gelassenheit verbracht hätte? Wenn es ihm gleichgültig gewesen wäre, dass Herrschende sich arrogant benehmen und ihre Untertanen wie Dreck behandeln? Don Karlos oder Wilhelm Tell wäre wohl nie geschrieben worden. Schiller fehlte dann einfach der Antrieb, die Wut, das Aufgeregtsein – all das, was ein Ventil suchte in seinem Schreiben, und hineinfloss in seine Schreibfeder, sich auf dem Papier ergoss und breitmachte als fantastische Tragödien.

Gelassenheit kann man auch mit Medikamenten herstellen, die den Patienten ruhig stellen – doch gleicht er dann noch einem Menschen oder nicht vielmehr einem Zombie?

Hätte Goethe seinen Werther geschrieben, wenn er gelassen geblieben wäre? Wir verdanken seiner Nicht-Gelassenheit einen hervorragenden Roman. Goethe brauchte den Verliebtheits-Zustand, um den West-östlichen Divan zu schreiben. Zugegeben, er hat mit dieser Methode manche Frau unglücklich gemacht. Doch die Frauen, in die er verliebt war, sie waren ihm Antrieb und Ansporn, Inspirationsquelle, um tiefe, gefühlsstarke Verse und Zeilen zu schreiben.

Die Gelassenheit eines buddhistischen Mönchs verleitet ihn nicht dazu, sich aufzumachen in die Wirrungen der Welt, um dort mit wirkendem Verstand zu sichten, zu schauen und neu zu gestalten. Er ist kontemplativ, hat Abstand – doch dieser Abstand sorgt auch dafür – als Nebenwirkung – dass man nicht betroffen ist von dem Weltlichen. Es berührt einen nicht. Gelangt nicht zu einem.

Er soll Mitgefühl empfinden mit der ganzen Welt? Mitleid und liebende Anteilnahme in sich spüren? Er soll voranschreiten vom Einzelfall, den er kennt, zur Allgemeinheit, und jedermann mit einschließen in seine liebende Gedankenwelt? Doch was ist, wenn er nicht genügend Einzelne kennt? Wenn er gar niemanden kennt, dem er ein besonderes Gefühl der Verbundenheit entgegenbringt?
Heißt, alle lieben mit gleicher Intensität, nicht auch: keinen lieben?

Gleichgültig im Innersten; gelassen bis zur Verzweiflung, die er aber nicht spüren darf, nicht zulassen darf. Denn ihm wurde verheißen, dass er einen Zustand erreicht, der noch höher zu bewerten ist als Glückseligkeit: Doch dieses Nirwana, diese Gelassenheit ist nicht-bemerkte-Traurigkeit, verborgene Verzweiflung. Denn er kann nichts mehr bemerken, wahrnehmen, fühlen, weil seine Gefühle sich zurückgezogen haben – die Tentakeln seiner Empfindungswelt haben sich nicht verfeinert, sondern sind abgestumpft, abgestorben.

Das als Gelassenheit zu bezeichnen ist Usus – aber wer führt ihn von dort hinaus? Er selber hat jeglichen Zugang versperrt zu sich. Eingekapselt in seine Ideologie dringt kein Humor zu ihm. Denn damit müsste er zugeben, dass seine jahrzehntelang praktizierte Meditation Unsinn war und ein Fehler.
Gelassenheit als Sackgasse.

So wie das Immun-System Stress braucht, Antigene – denn es will und muss gefordert werden, dazulernen, sich entwickeln – so braucht auch der Mensch den Stress, die kleinen Unzufriedenheiten in seinem Leben.

Urlaub ist ganz schön – doch wenn man immer Urlaub hat, dann fehlt einem etwas: die Betätigung, die Herausforderung.
Gelassenheit ist Urlaub vom Stress. Doch dauert dieser Urlaub zu lange oder wird er gepriesen als seligmachender Dauerzustand: dann treten die erwähnten Nebenwirkungen ein.

Gelassenheit: ein Medikament nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen.
Fragen Sie ihren inneren Arzt oder inneren Apotheker.

 

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Gelassenheit – eine Trainingssache


Mir fällt eine Szene ein aus der TV-Serie ‚Kung Fu‘: Der Shaolin-Mönch Caine, der im wilden Westen seine ruhige Bahn zieht. Nichts kann ihn erschüttern, selbst wenn ein Pistolenschuss ihn beinahe trifft – und das völlig überraschend – Caine bleibt ruhig und gelassen. Das ist seinem Training zu verdanken. Er zuckt nicht zusammen.

Gelassenheit lässt sich sicherlich trainieren. Zunächst einmal muss das Rad der Gedanken langsamer werden und zum Stillstand kommen können, wenn wir es wollen.
Dem ununterbrochenen Gedankenfluss in sich gebieten zu können, den Gedankenfluss stoppen zu können oder in das Flussbett steuern zu können, was uns genehm ist – das kann man trainieren.

Wenn einem in der Not oder in einer gefährlichen Situation die Gedanken noch gehorchen, und sich nicht von alleine Schreckensbilder aufdrängen und irrationale Befürchtungen – dann kann man eher gelassen bleiben.

Das ist der Unterschied zwischen einem Freeclimber und einem Menschen mit Höhenangst.
Der Freeclimber sieht das Abenteuer und den Spaß und sieht sich nicht in Gedanken herunterstürzen und scheitern – sondern er vermag es, solche störenden Bilder beiseite zu drängen und seinen Kopf frei zu halten für die Aufgabe, die vor ihm liegt: Das Erklimmen des Berges.

Derjenige mit Höhenangst, dessen Gedanken kreisen um die Risiken: er sieht sein Scheitern lebhaft vor sich – und diese starken negativen Gedankenbilder erzeugen und verstärken die Angst in ihm. Denn sein Körper nimmt an, dass diese ausgedachten Szenarien unmittelbar bevorstünden und reagiert entsprechend.

Gelassen bleiben in Gefahr: das gelingt wenn man eine andere Einstellung zur Gefahr bekommt. Den Abenteueraspekt in den Vordergrund rücken, die Chancen sehen und nicht so sehr die Risiken. Die Freude am Abenteuer im Voraus empfinden: das verdrängt die übergroßen Bilder der Sorge.

Sorge dich nicht – lebe. Das sagte schon Dale Carnegie.
Der Schlüssel zur Gelassenheit liegt verborgen in den sorgen-beladenen Gedankenbildern: wenn man diese beiseite räumt, beiseite schiebt, dann entdecken wir inmitten der sich auftuenden Gedankenruhe diesen Schlüssel.

Gelassenheit und Kontrolle

Gelassenheit ist besonders schwierig für die ‚Macher‘, diejenigen, die es gewohnt sind alles mit ihrem Bewusstsein zu steuern.
Loszulassen, sich der Situation überlassen – das ist aber nötig für all das, was man nicht herbeizwingen kann: das Einschlafen Nachts, die Entspannung bei der Meditation.

Man kann nur darauf warten, dass man einschläft Nachts bzw. dass man in eine Trance kommt beim Meditieren. Gut, man kann die äußeren Umstände günstig arrangieren. Doch alles weitere hängt davon ab, inwieweit es einem gelingt das Bewusstsein zurückzufahren, herunterzufahren.

Das Bewusstsein ist es gewohnt, dominant zu sein. Es ist erwacht nach Milliarden von Jahren und es will sich nicht leicht verdrängen lassen von dem Nicht-Denken.
Doch wenn man es nicht schafft sein Bewusstsein von Zeit zu Zeit drosseln zu können, wenn man abhängig wird von seiner Bewusstseins-Macht, dann ist Bewusstsein wie eine Droge: sie berauscht und verleiht einem das Gefühl der Allmacht.

Es ist Vermessenheit. Man vermasselt sich sein Leben selber, wenn man zu aktiv ist, alles im Griff haben will, alles kontrollieren will. Absolute Kontrolle über sich selbst und sein Umfeld zu beanspruchen, das führt zu Stress und Überlastung des eigenen Systems.

Und außerdem zerstört es die Basis für das Vertrauen: wer als Chef seine Mitarbeiter glaubt beständig kontrollieren zu müssen, oder wer glaubt seine Kinder benötigten ständige Kontrolle und Lenkung – der macht sich selbst unglücklich und seine Mitmenschen.

 

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Das Schwarz des Jenseits

Ich denke hier nach über die Passage im Faust II von Goethe, wo Mephistopheles widerwillig Faust zu den Müttern schickt – ihm einen unscheinbaren Schlüssel gibt, der ihm den Zugang gewährt in diese Unterwelt.

Die Absolutheit der Schwärze in diesem Reich der Mütter beschreibt Mephistopheles ausführlich. Erst wenn Faust an den tiefsten, allertiefsten Punkt gelangt, den Urgrund – dort erwartet ihn ein Schein, ein Licht: ein glühender Dreifuß.

Der Dreifuß ist ein Symbol für Orakel und göttliche Eingebung. Man muss gewissermaßen in das Nichts eintauchen, sich freimachen von allem, um dann schöpferisch tätig werden zu können.

MEPHISTOPHELES. Ungern entdeck ich höheres Geheimnis. –
Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit,
Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit;
Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.
Die Mütter sind es!

FAUST aufgeschreckt. Mütter!

MEPHISTOPHELES. Schauderts dich?

FAUST. Die Mütter! Mütter! – ’s klingt so wunderlich!

MEPHISTOPHELES. Das ist es auch. Göttinnen, ungekannt
Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt.
Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen;
Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen.
FAUST. Wohin der Weg?

MEPHISTOPHELES. Kein Weg! Ins Unbetretene,
Nicht zu Betretende! Ein Weg ans Unerbetene,
Nicht zu Erbittende! Bist du bereit? –
Nicht Schlösser sind, nicht Riegel wegzuschieben,
Von Einsamkeiten wirst umhergetrieben.
Hast du Begriff von Öd und Einsamkeit?

FAUST. Du spartest, dächt ich, solche Sprüche!
Hier witterts nach der Hexenküche,
Nach einer längst vergangnen Zeit.
Mußt ich nicht mit der Welt verkehren?
Das Leere lernen, Leeres lehren?
Sprach ich vernünftig, wie ichs angeschaut,
Erklang der Widerspruch gedoppelt laut.
Mußt ich sogar vor widerwärtigen Streichen
Zur Einsamkeit, zur Wildernis entweichen
Und, um nicht ganz versäumt, allein zu leben,
Mich doch zuletzt dem Teufel übergeben!

MEPHISTOPHELES.
Und hättest du den Ozean durchschwommen,
Das Grenzenlose dort geschaut,
So sähst du dort doch Well auf Welle kommen,
Selbst wenn es dir vorm Untergange graut.
Du sähst doch etwas! sähst wohl in der Grüne
Gestillter Meere streichende Delphine,
Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne –
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst!

Im Zen sagt man: die Tasse muss leer sein, damit man Tee hineingießen kann, damit man sie befüllen kann. Die Leerheit als Voraussetzung fürs Kreative.

Faust will mithilfe der Mütter und ihres Dreifußes Helena und Paris beschwören, sie herbeizaubern für den Kaiser und den Hof. Helena und Paris sind – jeder für sich – Inbegriff des vollendet Weiblichen und vollendet Männlichen.

Diese Urbilder, Vorbilder heraufzubeschwören gelingt Faust – und er verliebt sich sofort in das von ihm erzeugte, erschaffene Bild: er liebt Helena augenblicklich bedingungslos. Die eigene Schöpfung. Sie zu suchen im Original begibt er sich dann in die antike Welt. Zeugt gemeinsam mit ihr den Sohn Euphorion.

Euphorie ist eine übersteigert heitere und zuversichtliche Gemütsstimmung – nicht immer gerechtfertigt durch objektive Tatsachen und eventuell ausgelöst durch kleinere oder größere Erfolgserlebnisse. Diesen momentanen Erfolg projiziert man in die Zukunft, prolongiert und berauscht sich am fortdauernden Glück, was erreichbar erscheint. Doch Euphorion, ihr Sohn, der stirbt nach kurzer Zeit, er springt zu hoch, will gar fliegen.

Was man kreiert hat aus der völligen Leere heraus, aus der Schwärze, es ergeht einem damit so, wie es Faust erging mit seiner Helena und ihrem Sohn Euphorion. Goethe selber musste leidvoll feststellen ,dass alle seine schönen Worte eben nur dieses waren: Worte. Poesie kann Realität kaum verändern, ein wenig eindellen, kaum verformen.

Abtrotzen wollte er den Göttern Zeit: wenn er in Bewegung bliebe, unermüdlich weiter kreieren würde, schreiben würde, Bedeutsames formulieren – dann müssten sie ihm doch noch mehr Zeit gewähren? Vielleicht hat er Erfolg, und Goethe schreibt weiter im Jenseits. Dass sein Geist weiterschwingt weil er ihn am Schwingen halten möchte.

Wer sagt denn, dass diese Welt, dieses bekannte Diesseits alles ist? Wir haben das von der alten Welt damals auch geglaubt, dass wir alles seien. Dann kam Kolumbus und entdeckte eine neue Welt.

In der Physik glaubte man schon vor 100 Jahren jetzt alles entdeckt zu haben, die Grenzen abgesteckt, jetzt ginge es nur noch um das Verwalten des Bekannten. Dann wurde die Dimension immer kleiner: die Unendlichkeit im Kleinen tat sich auf. Das Atom war nicht die Grenze und die drei Quarks in jedem Neutron und Proton werden es auch nicht sein: die Grenze, wo ist sie? Wo ist das Allerkleinste? Wo ist das Allergrößte?

Die Griechen haben mit der Hilfe von einem Paradoxon schon bewiesen, dass es eigentlich keine kleinste Einheit geben könne und auch keinerlei Bewegung. Wir knüpfen heutzutage an diese Gedankengänge wieder an.

Auch wenn wir das Jenseits ausgesperrt haben aus dem Bereich des Denkbaren, es verbannt haben aus dem Nachdenkenswerten : es wartet dort draußen oder dort drinnen – dessen bin ich mir sicher. Denn es gibt keinerlei Grenzen. Weder nach oben noch nach unten, weder im Kleinen noch im Großen. Das Diesseits kann man nicht begrenzen durch den Verstand, es abgrenzen so wie ein Landvermesser genau festlegt wie groß und weit ein Stück Land sei und wo genau die Grenze beginnt.

Doch aus der Schwärze neue Kraft heraus zu gewinnen, den Dreifuß gewissermaßen mitzubringen, die Kraft zu erlangen aus Schemenhaftem Realität gewinnen zu können – da erweist man sich dann als Ebenbild Gottes, als ebenbürtig seinem Schöpfer, als rechtmäßiger Nachfolger, Nachfahre – und das sind wir Menschen, sollen es sein. Sollen uns so wahrnehmen und erkennen.

Das gelingt, wenn man ins Jenseits eintaucht, erahnt, was es mit der Schwärze auf sich hat, dem Nichtseienden, aus dem heraus das Mögliche und ihm folgend das Reale wird. Die Leere als Chance, als Startpunkt.

Im Faust ist es exemplarisch dargestellt. Sein Gang zu den Müttern, zum Urgrund des Seins, aus diesem Nichts, will er sein All gewinnen. Ein bisschen von Faust könnten wir uns alle aneignen, von seinem faustischen Vorwärtsdrängen. Zumindest sein Ende macht Hoffnung: er wird dennoch emporgezogen, hinauf in Himmelshöhen, dem Teufel entrissen durch eine List der Engel.

Hoffen wir darauf, dass die Engel genügend Tricks drauf haben, um unser aller Seelen zu retten, zu bewahren.

Goethe hatte diesen Optimismus. Es hat ihm zumindest Schaffenskraft und Elan gebracht bis zum allerletzten Tag. Und selbst da noch hat er sich gewünscht: mehr Licht!

 

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Trauer und Neubeginn

Dass man einen Trauernden rasch abbringen will von seiner Trauerstimmung, ihn ablenken will, zerstreuen – das kann damit zusammenhängen, dass einerseits der Trauernde als Störfaktor empfunden wird in einer Spaßgesellschaft und andererseits, weil man ehrlich überzeugt ist, dass man dem Trauernden am Besten hilft, indem man ihn fortführt aus seiner emotionalen Krise.

Dabei ist gerade diese Krise wünschenswert und eingeplant von der Natur. Es ist eine Situation der Destabilität. In solch einer Krise fällt Neuorientierung leichter. Der Tod eines nahestehenden Menschen hat etwas Gewaltiges verändert im eigenen Leben. Anpassungsreaktionen sind nötig.

Die Riesen-Lücke, die der geliebte Mensch hinterlassen hat, ist wie eine Wunde. Und wie eine Wunde Zeit braucht, um zu verheilen, so braucht auch der Trauernde Heilungs-Zeit. Diese muss er sich selber zugestehen und diese muss ihm auch von der Gesellschaft zugebilligt werden.

Vorgeschriebene Trauer hingegen – in ritualisierter Form – hat etwas Zwanghaftes: Die Witwe soll ein Jahr schwarz tragen, und man rümpft die Nase, wenn sie zu rasch wieder heiratet.

Die Gefahr des Trauerns liegt darin, dass sich dieser Krisen-Zustand verfestigt, man nicht mehr herausfindet aus dieser Talsohle. Das Hadern mit dem Schicksal führt zu Vorwürfen gegenüber Gott, sich selbst und gegen andere angeblich Schuldige. Ursachenforschung, mit dem Finger auf den Grund verweisen können – danach trachten die Menschen stets.
Es gilt Ursache und Wirkung zuzuordnen, sich zurechtzufinden in seiner Welt. Und wo man keinen Schuldigen, keine alleinige Ursache ausmachen kann, da beginnt die Verzweiflung oder aber auch das Irrationale. Das Irrationale öffnet sich mit gähnendem Schlund und verschlingt die Ratio, die klaren Gedanken. Man erreicht diesen Menschen nicht mehr durch Logik oder aufmunternde Gespräche.

Petra Schürmann ist so ein Beispiel. Wenn sich in die Trauer Selbstvorwürfe mischen und man dem Leben nicht verzeihen kann, dass es unlogisch ist und ungerecht, willkürlich, chaotisch – und auf Gerechtigkeit pocht – dann verstrickt der Trauernde sich in absurdeste Gedankenlogik: sucht Ordnung, Sinn herzustellen, indem er den Schuldigen, den Grund für seine Trauer ausmacht in sich selber, für alles sich selber verantwortlich, schuldig fühlt.

Das Leben, die Welt ist Chaos. Die Krise gibt uns die Chance, uns zurückzuziehen von diesem Chaos für eine Weile, die eigenen Lebensregeln neu zu überdenken, umzuwerfen, sich mit einer veränderten Geisteshaltung dann neu dem Chaos zu präsentieren und den Kampf mit ihm aufzunehmen.

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Notwendige Intoleranz

Geht es nur noch darum das rechte Maß der Toleranz zu bestimmen? Eine Feinabstimmung? So wie es Geschmackssache sein kann wie viel Zucker man in seinem Kaffee haben möchte? Ist die Dosis entscheidend?

Gemäß Art. 2 des Grundgesetzes ist alles das erlaubt, was nicht verboten ist – um es salopp zu formulieren.

http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_2.html

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

 

Es wird enger auf unserem Planeten. Früher als die Menschengruppen einander seltener begegneten und jeder sein eigenes Riesen-Revier hatte, da war Toleranz nicht so akut. Drängender wird das Problem heutzutage, wo wir dicht beieinander hocken und das Internet uns zusätzlich miteinander verbindet – was an sich ja ganz nett ist. Einsamkeit hat auch seine Schattenseiten. Doch welchen Preis sind wir bereit zu bezahlen für die Geselligkeit?

Ohne Frage sind wir alle toleranter, wenn es uns gut geht. Dann ist heiter sein und tolerant sein klaglos möglich. Schwieriger wird es, wenn das Gedrängel, die Nähe zunimmt, kaum Ellenbogenfreiheit bleibt, man einander auf die Zehen tritt. Zu viel Enge macht aggressiv und intolerant. Mal kann man Nähe gut ab, mal wieder wird sie einem lästig.

Der Nähe zu sich selbst allerdings, der entkommt man nie. Seinen eigenen Fehlern gegenüber toleranter zu sein, wie lernt man das? Sie dulden und letztlich sogar akzeptieren, die eigenen Schwächen resignierend oder achselzuckend ertragen? Was wäre die Alternative? Die Psychotherapeuten empfehlen die Toleranz als wunderbares Allheilmittel. Kuriert sowohl die Gesellschaft als auch den Einzelnen.

Wenn Intoleranz solch ein Gift ist, wieso hat sie sich gehalten in der evolutionären harten Selektion? Wenn man intolerant ist gegenüber dem, was man partout an sich nicht ausstehen kann und es einem gelingt, dieses zu verbessern – sich Methoden, Tricks auszudenken, mit denen man die eigenen Schwächen in Stärken verwandelt – ist dann diese praktizierte Intoleranz nicht ein Segen?

Was wäre, wenn lethargische Gleichgültigkeit vorherrsche – wenn man mit müdem, desinteressiertem Blick die eigenen Schwächen betrachtet? Etwas Aggressivität und Angriffslust, etwas Unternehmungsgeist gegenüber den eigenen Schwächen erscheint mir durchaus angebracht zu sein.

Sein eigener Coach sein, sich selber zu Höchstleistungen motivieren können, auch wenn es hartes Training bedeutet. Das in der Erziehung den Kindern beizubringen: dass sie ihr eigener Coach sind und es sein müssen, um wirklich dauerhaften Erfolg haben zu können in ihrem Leben – das erscheint mir eines der wichtigsten Erziehungs-Ziele zu sein.

Zu viel Toleranz gegenüber sich selbst, einfach alles akzeptieren, das kann unmöglich zur Charakterbildung beitragen. Ich behaupte Charakter ist erlernbar – ebenso wie Humor. Man muss es üben, praktizieren – wird scheitern, wird es erneut versuchen mit neuen Hinweisen und neuen Erfahrungen.

Genauso halte ich ein zu hohes Maß an Toleranz für gesellschaftsschädlich: es verdirbt den Charakter der Gesellschaft. Klare, erstrebenswerte Ideale – und sei es nur der kleinste gemeinsame Nenner – das halte ich für wichtig, damit eine Gesellschaft gesund ist.

Sonst ist Orientierungslosigkeit die Folge und keiner weiß genau, um was es eigentlich geht. Es ist so, als wolle man ein Spiel spielen, bei dem keiner die Regeln vorher festgelegt hat. Man fragt während des Spieles andauernd die anderen Spielteilnehmer, was denn nun gespielt wird. Das Ergebnis : man kommt nicht zum Spiel, man zieht sich zurück, das Miteinander stagniert.

Gesellschaft – gerade in unserer hochzivilisierten Zeit – bietet die Möglichkeit sich auszutauschen mit den klügsten Köpfen: Denn jeder ist auf seinem Gebiet ein Fachmann – ein jeder ist Spezialist erstens für die Bewältigung seines eigenen Lebens und zweitens für das, was ihm mitgeteilt wurde an Wissenswertem – sei es von seinen speziellen Lehren oder seinen Verwandten und Freunden.

Doch wenn jeder ein Fachmann ist, dann redet auch jeder eine Fachsprache, jeder redet ein Idiom, was abweicht von dem eines jeden anderen. Verständigung ist nunmehr nur möglich, wenn die Brücke stabil ist, die die Gesellschaft zur Verfügung zu stellen hat. Die einzelnen Brücken, die die Gesellschaftsmitglieder untereinander verbinden, und die Straßen auf denen sie zueinander finden – die müssen vorhanden sein.

Doch zu große Toleranz zerstört eben dieses Kommunikations- und Verkehrswegenetz. Die gemeinsame Basis erodiert, wird abgebaut. Ein intaktes System ermöglicht die Verbindung, den Gedankenaustausch, das Sprechen miteinander.

Ich nenne es das gemeinsame Spiel – was Spielregeln benötigt. Elementare Regeln. Man kann sich später darauf einigen von diesen teilweise abzuweichen, so wie ein guter Filmregisseur jederzeit von dem vorgegebenen Drehbuch abweichen kann oder ein guter Schauspieler: das Improvisieren belebt einen Film.

Doch das Drehbuch muss vorhanden sein. Es ist die Grundlage. Beliebigkeit und völlige Gleichgültigkeit, den anderen machen lassen, weil er einem sehr egal ist – das alles ist falsch verstandene Toleranz.

Ich plädiere also für ein Minimum an Intoleranz, damit das Spiel stattfinden kann. In diesem Sinne verstehe ich auch das Grundgesetz. Es war ein langer Weg zu solchen Freiheiten und solchen Rechten. Zerstören wir es nicht durch zu viel Toleranz. Es gibt Bewahrenswertes. Notwendiges. Das Grundgerüst sollte erhalten bleiben. Das ist dann die Basis für wirkliche Toleranz: den freien Gedankenaustausch mit Andersdenkenden, der nicht im Chaos endet und nicht im völligen Streit.

Sich einig sein über einige Spielregeln und bereit sein diese einzuhalten – das verschafft nicht nur der Gesellschaft neue wissenschaftliche Erkenntnisse, technischen Fortschritt, sondern es befähigt uns allgemein Probleme lösen zu können miteinander. Im Gegeneinander behindern wir uns, stoppen uns, blockieren uns. Ein gesellschaftliches Spiel bei dem ein Miteinander möglich ist – das könnte uns wappnen für das, was die Zukunft bringt.

Dasselbe gilt im Inneren des Menschen: sich selber sein eigenes Grundgesetz geben und sich freiwillig daran halten, aus Überzeugung und nicht, weil es einem so gesagt wurde und eingepaukt wurde. Sich selber ein gewisses Maß an Intoleranz bewahren: das gibt einem Stabilität.

Nicht dulden, dass die Sucht stärker ist als man selbst; nicht dulden, dass die Angst einen besiegt. Wege ersinnen wie man eigene Schwächen nicht länger erdulden muss, sondern sie verwandeln kann in Stärken. In etwas, worauf man stolz ist.

Wenn man gerungen hat mit seiner Angst und sie besiegt hat – wenn man eine Sucht niedergerungenen hat – wenn man Lethargie, Trägheit, Seelenschlaffheit überwunden hat – wieder einmal und tagtäglich – dann sind das kleine und größere Siege, die das Selbst stärken.

Den freien Willen kann man ebenso erlernen, üben. Genau auf diese Art: Das Selbst stärken, es ihm ermöglichen, dass es dazulernt durch Konflikte, Probleme, Krisen. Diesen gegenüber intolerant zu sein, das erachte ich für wichtig.

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Wege zum freien Willen


Kann man den freien Willen erlernen, üben? Ja: sich zusätzliche Optionen verschaffen.

Zum Beispiel: Wenn man versucht sich beim Tennis eine andere Schlagtechnik beizubringen, dann ist es meines Erachtens einfacher, nicht etwas verlernen zu wollen, sondern einfach etwas Neues dazuzulernen – als Alternative. Wirkliches Verlernen gibt es meines Erachtens nicht. Das ist der Nachteil unseres Gehirns. Es wurde so ‚konstruiert‘, dass es alles behält, speichert: denn es könnte ja mal sein, dass sich das Erlernte als sinnvoll erweist. Meiner Meinung nach fehlt nur oft die Zugriffsmöglichkeit auf das Erlernte, Erworbene. Vorhanden ist es, aber es ist mitunter schlecht eingeordnet, schwer aufzufinden. Ein wenig ‚Ordnung‘ machen im Gehirn schon beim Lernen – das kann sinnvoll sein. Beachten, wo man was speichert und ablegt: in welcher Kammer ist dieser neue Sachverhalt am Besten aufgehoben.

Das Problem ist, dass es oftmals solche Kammern noch gar nicht gibt. Das ist dann der Fall, wenn uns etwas gänzlich Neues begegnet. Dann sind Analogien hilfreich, Vergleiche mit dem Bekannten ,Vorhandenem, bereits Erlerntem. Das Neue geschickt hinzufügen zu dem bereits Erworbenem. Das ist so, als wenn eine Frau sich in jeder Saison eine große Auswahl an Kleidern, Schuhen und Accessoires kauft und sie nach keinem Schema einfach in ihren begehbaren Wandschrank hängt und stapelt. Am Ende sieht es dann eher wie in einer Rumpelkammer aus, als dass sie wirklich finde würde, wonach sie sucht. Dass unser Gehirn nicht zu einer großen Rumpelkammer verkommt – dafür sollte man schon sorgen. Das Nachdenken ist eigentlich ein Prozess des Aufräumens,des Sortierens.

Platon war beeindruckt, wie viele Erkenntnisse der Mensch gewinnen kann nur aus sich selbst heraus – nur aus dem Umsortieren und Neuarrangieren von bisher Gewusstem, von Fakten, die man wie Puzzle-Teile, wie Bausteine neu sortiert, zu einem neuen Bild bzw. einem Gebäude zusammenfügt.

Wenn man Interesse an einer Sache hat, neugierig ist auf ein neues Lernthema, dann baut man sich gewissermaßen so eine neue Kammer in seinem Gehirn, richtet sich eine leere Kammer ein, in die dieses spezifische neue Wissen wunderbar eingeordnet werden kann. Es schwirrt nicht suchend im Kopf umher, verzweifelt auf der Suche nach einer Möglichkeit, wo es einhaken kann, wo es denn haften bleiben kann. Will denn keiner diesen neuen Wissensbrocken haben?

Der Schlüsselfaktor für erfolgreiches Lernen ist Motivation: wenn eine solche leere, offene, empfangsbereite Kammer erstellt wurde und wartet darauf gefüllt zu werden – das ist dann Neugierde, die Spannung, die Erwartungshaltung, der Hunger der Seele nach Fakten, Wissen, die diese Kammer ausfüllen können.

Die Kunst besteht also darin, sich von vornherein motivieren zu können – auch dann wenn es notwendig ist etwas Neues zu lernen, aber man momentan absolut nicht motiviert ist. Diese Kunst der Selbstmotivation zu beherrschen, sie zu verstehen – das gehört auch in das Erziehungsprogramm für die Kinder, denke ich. Denn wenn Mathematik partout nicht haften bleiben will im Kinderkopf – dann liegt das nicht an mangelnder Begabung sondern an der Praxisferne der Mathematik. Das Gehirn kann nur das lernen, was es als nützlich erachtet.

Begeisterung fürs Abstrakte – die kann man erzeugen, indem man Brücken baut von der Praxis, der Realität, dem Alltag hin zu der abstrakten Welt – z.B. der Mathematik.

Wenn man sich also nun selber neue Optionen verschaffen möchte – sich einen freieren Willen antrainieren – dann mühe man sich nicht, den ersten erlernten Weg zu verbauen – ihn zu verlernen, ihn zuzuschütten – sondern einfach einen neuen Weg, eine neue Abzweigung anbauen, eine neue Alternative hinzufügen.

Ich könnte jetzt mich aufregen – muss es aber nicht. Ich könnte rauchen – kann es aber auch sein lassen.

Aversions-Therapien, die versuchen den vorhandenen, unerwünschten Weg zu zerstören, einem eine heftige Abneigung einzubläuen gegen diesen Weg – das ist meiner Meinung nach nicht so effektiv, wie das sich Hinwenden zu neuen Wegen.

Wenn man gewisse Wege und Bahnen im Gehirn nur noch selten benutzt, dann verkümmern sie allmählich – werden von Autobahnen zu Landstraßen und dann zu Landwegen und Gässchen. Bis man diese Wege fast vergessen hat, sie wuchern zu – die Mühe sie bewusst zu zerstören, die kann man sich sparen.

Lieber die erwünschten Wege vielfach befahren. Je öfter, um so bereitwilliger baut unser Gehirn diese Straßen weiter aus – denn dass sie oft befahren, genutzt werden, ist ein Zeichen dafür, dass Ausbaumaßnahmen sinnvoll sind. Die Verkehrsknotenpunkte zu den dazugehörigen Neuronen werden verstärkt und stabiler gemacht.

Sich viele erwünschte neue Seitenwege zulegen: dann hat man die Wahl. Wer sich nur auf einigen wenigen Hauptstraßen bewegen muss, der hat nicht vorgesorgt, der hat sich kaum Wege-Alternativen angelegt. Der freie Wille bedarf also der Vorbereitung. Wir sind nur so frei, wie es unser Wegenetz erlaubt.

Man muss die Funktionsweise seines eigenen Gehirns durchschauen und Rücksicht nehmen auf reale Begebenheiten: es sind Neuronen vorhanden, Verknüpfungen , Gehirn-Areale, die sich nur mit ganz bestimmten Aufgaben beschäftigen – all das ist heutzutage beobachtbar, kann man betrachten auf Monitoren. Wenn es keine ‚Erase-Taste‘, keine ‚Delete-Taste‘, keine Löschfunktion gibt in unserem Gehirn – dann sollte man sich damit abfinden und nicht wie Don Quichotte gegen Windmühlen ankämpfen.

Das Ziel heißt nicht verlernen des Störenden, sondern Neues hinzulernen, neue Wege sich eröffnen. Genau das ermöglicht unser Gehirn: den freien Willen kann es in die Tat umsetzen in einem immer größeren Freiheitsgrade, wenn wir es denn anstreben. Die Tiere sind festgelegt auf bestimmte vorprogrammierte Bahnen durch ihren Instinkt. Dieses ererbte Programm wird modifiziert, angepasst an die jeweilige Situation, den Erfordernissen gemäß zurechtgeschnitten. Doch dieses ist keine Freiheit: es ist die Situation, die Umgebung, die das endgültige, fertige Aussehen des Programms bestimmt.

Freiheit beginnt dort, wo man sich erhebt über die Gebundenheit des Gegebenen. Neue Wahlmöglichkeiten hinzufügt, ergänzt, um sich zu lösen von der Unfreiheit des Standard-Reiz-Reaktinsschemas.

Zur Frage ob es überhaupt eine freien Willen gibt: Man muss nicht nur das Ende eines langen Entscheidungsweges betrachten. Wer sein Ich definiert, begreift als Bewusstsein – der betrachtet lediglich einen Teilausschnitt seines eigenen Selbst , seines Ichs. Das Unterbewusstsein gehört genauso zum Ich dazu. Es ist der langwelligere Teil, der Teil, an den man direkt nicht so gut herankommt, den man aber indirekt beeinflussen kann, verändern kann. Der Zugriff ist nicht unmöglich.

Wenn man z.B. den Weg einer Gesetzesvorlage verfolgt zum letztlich veröffentlichten Gesetz, dann bedarf es der Vorbereitung, Planung. Alles das, was ich vorher gesammelt habe in meinem Unterbewusstsein – und all das, was hinzugefügt wurde ohne mein aktives Mitwirken – all das beeinflusst mich, macht mich aus. Hier gestaltend mitzuwirken ist nicht unmöglich.

Der Anteil des Unterbewusstseins mag heutzutage erschreckend dominierend wirken. Es ist, als habe man entdeckt, dass es ganz neue Länder und Kontinente gibt, die bisher im Verborgenen lagen, gewissermaßen im Nebel verhüllt. Sind diese nebelverhüllten Gebiete, Reiche so etwas wie Avalon, die keltische Anderswelt? Dorthin wohin man zu reisen vermag in der Visualisation – aber auch körperlich – aber es ist eine bedenkliche, verwegene Reise. Gefahrvoll. Diesen Eindruck, diese Szene müssen die alten Völker so empfunden haben und versucht haben, dieses zu beschreiben in der Metapher, in dem Bild von der Anderswelt. Beide Reiche miteinander zu vereinen, Grenzgänger sein, hin- und hermarschieren als Held zwischen beiden Reichen – wem das möglich ist, der wurde schon in der alten Zeit verehrt, bestaunt, Legenden wurden über ihn verbreitet.

Doch ist es nicht jedem Menschen möglich, besseren Kontakt zu seinem eigenen Unterbewusstsein herzustellen? Es vor allem – und als erstes – nicht auszugrenzen aus seinem Ich. Das Selbst, das Ich ist wesentlich größer, als man gedacht. Und ob die Grenzen enden dort beim Unterbewusstsein ist fraglich.

Aber zumindest diesen großen Bereich, das Unterbewusstsein mit einzubeziehen in das eigene Selbstbild, es nicht zu verleugnen, es aktiv mitzugestalten, es wagen es zu betreten – all das ermöglicht einem zu sagen: ich handle frei.

Handle zwar meist völlig nach Vorgaben meines Unterbewusstseins – aber es ist Teil von mir, meine Mühe und meine Arbeit steckt auch darin. Die Trennung mag aus wissenschaftlicher Sicht Sinn machen, doch sollte man nie vergessen, dass Unterbewusstsein und Bewusstsein eine Einheit sind. Wir sind nicht getrennt, Zwitterwesen, in uns ist kein verborgener Akteur – sondern wir sind es selbst: es ist so, als ob man seine Fußzehen betrachtet und leugnet – nur weil sie so weit entfernt seien – dass sie zu einem gehören.

Ob man sich als eine Einheit empfindet – das ist eine Ansichtssache. Man kann beliebig viele Teilaspekte des Ichs kreieren, sie mit Namen und Etiketten versehen, so wie es die Psychologie heutzutage tut. Es macht Sinn, solange man wissenschaftliche Erkenntnis damit verfolgt. Man muss für Teilbereiche Namen haben, sie benennen können. Doch sollte man es vermeiden seinen Patienten einzureden sie hätten ein getrennt von ihnen agierendes Unterbewusstsein. In dem Moment erzeugt man genau dieses Phänomen: man trennt den Bereich zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein.

Das Gehirn spielt jedes Spiel mit: Jede Ansicht von der Realität und vom eigenen Ich wird übernommen, angenommen, wenn man es sich denn lange genug einredet. Meines Erachtens ist es die beste Ansicht, dass man sich selbst als Einheit begreift und so agiert. Indem man dieses tut, erzwingt man die Einheit. Das Ich schafft sich selbst sein Bild vom Ich.

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Das Einfache kompliziert machen und das Komplizierte einfach – die Kunst der Philosophie

Das ist die Kunst der Philosophie: das Einfache kompliziert machen und das Komplizierte einfach. Verändern, verfremden, um besser erkennen zu können.

Der Blick ermüdet, wenn er zu lange auf etwas Vertrautes, auf Dasselbe gerichtet ist unentwegt. Jesus empfiehlt im Thomasevangelium, mit den Augen eines Babys zu sehen: unvoreingenommen, noch nicht deutend, noch nicht trennend das Bedeutende vom Unbedeutenden. Alles kann bedeutend sein. Diese Fähigkeit muss der Philosoph sich aneignen. Ein Marienkäfer z.B. kann kluge Antworten parat haben.

In Gedanken das Gute zum Bösen machen und umgekehrt. In den Motiven der Bösen das Gute sehen – heißt das bereits, es zu rechtfertigen – oder ist es nicht vielmehr der Versuch zu begreifen, nachzuvollziehen, was Menschen motiviert und antreibt anderen Menschen Grausamkeiten zuzufügen – und sich gleichwohl gerechtfertigt zu sehen durch ein angeblich ‚höheres‘ Ziel?

Solche ‚höheren‘ Ziele kann man sich immer aussuchen, parat haben – damit ist dann jegliches Unrecht vor sich selbst gerechtfertigt und angeblich dann auch vor dem Gott, dem man sich verpflichtet fühlt.

Sich selber nicht in solchen Fangstricken vollends zu verwirren – das Gute und Böse so zu verflechten, dass man es selber nicht mehr entwirren kann – was kann einen davor bewahren? Welches allerhöchste Gebot soll über allem thronen, von dem man alles andere ableitet und ihm unterordnet?

Oftmals wird das Liebes-Gebot empfohlen: Ist es mit der Liebe vereinbar? Liebe, gedeutet als das Bemühen, dem anderen in seinem Dasein hilfreich zu sein. Wie tief reichen die Wurzeln der Liebe? In den Legenden ist davon die Rede, dass Liebe – und einzig die Liebe – den Tod besiegen kann, dass sie es vermag alles zu überwinden.

Die Liebe als Urgrund alles Seins und als höchstes Ziel zugleich. Wie kommt es, dass wir die Liebe in all ihren Varianten trotzdem immer als Einheit empfinden? Das Begehren, die Wollust, die Kameradschaft, die Harmonie, Geselligkeit – die Liebe bietet ein breites Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten und Erscheinungsformen. Allen gemeinsam ist die Bejahung des Daseins – und das obwohl die Liebe den Blick nicht abwendet von dem Unschönen, dem Widerwärtigen, dem Elend dieser Welt. Sie zieht nur andere Schlüsse und Folgerungen daraus als der Hass.

Der Hass ist wütend, zornig darauf, dass die Welt so ist wie sie ist. Die Liebe bleibt nicht stehen bei den Vorwürfen, sie geht darüber hinaus, überwindet, versöhnt sich mit dem Dasein und verzeiht dem Dasein, dass es so ist, wie es ist. Sie akzeptiert. Sie ist dankbar, dass das Sein es so weit geschafft hat und es dem Nichtsein abgetrotzt hat seine Existenz.

Auch wenn diese Existenz eventuell nur Millisekunden währt – uns erscheint es wie Milliarden Jahre – diese Eruption des Quantenschaumes, das Aufflackern dieser Unregelmäßigkeit von virtuellen Teilchen. Geliehene Existenz, zurückzahlbar der Kredit in wenigen Augenblicken.

Doch für die Zeitdauer dieses göttlichen Augenblicks „feiere das Sein sein tumultuöses Fest in den unermesslichen Räumen, die sein Werk seien“ – um Thomas Mann zu zitieren im Felix Krull.

Schöpfer unserer eigenen Realität

Ich zitiere aus meinem Gedicht ‚Schlendrian‘.

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An Gedanken

Taten ranken.

Es sprosset der Gewohnheitstrieb.

Als Frucht Charakter blieb.

‚Wir sind Schöpfer unserer eigenen Realität‘ – genau dieser Gedanke steht im Neuen Testament. Jetzt, da die Deutungshoheit nicht mehr nur noch bei der Kirche liegt, sondern gewissermaßen in den Händen von jedermann, kann auch jedermann erkennen, was an Fundstücken aus der Bibel für ihn wertvoll ist und was nicht.

Bzw. aus welchem Blickwinkel er die Fundstücke betrachtet. Eine Glasscherbe, die man ins Sonnenlicht hält, sieht wunderhübsch aus. Lass das Licht der Erkenntnis darauf fallen – das wäre mein Vorschlag.

Verwirf nicht alles in Bausch und Bogen, nur weil die Kirche damals ihre Deutungshoheit missbraucht hat. Richtigstellen, herausholen was an Wertvollem im alten Kulturgut der Menschheit schlummert und verborgen ist – solche Schätze zu sichern, das ist auch die Arbeit heutiger Philosophen. Und dabei völlig unabhängig und unbeeinflusst von geistigen Modeströmungen – das als hohes, hehres Ziel. Mag eine Utopie sein, aber es ist zumindest eine Zielvorgabe.

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Jeder Mensch ein Künstler

Ich finde das ausgewählte BX-Zitat von Georg (capt.gb) interessant:

‚Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung‘.

http://www.bookrix.de/-capt.gb

Wenn ich recht informiert bin, hat Joseph Beuys das auf einen leeren Würstchenteller geschrieben – sogleich war es damit ein Kunstwerk.

Die Verwandlung von Alltag in Kunst geschieht durch ein Hinzufügen: ich füge meine Meinung, meine Interpretation hinzu. So betrachtet ist die Rose an sich noch kein Kunstwerk, kein Kunstobjekt. Erst indem ich mich mit dem Objekt als Subjet verkette – gewissermaßen eine neue Einheit bilde – erschaffe ich Kunst. Das Zusammenfügen von Objektivem und Subjektivem ergibt etwas Künstliches, was über der reinen Natur an sich steht.

Wenn ich beginnen würde über die Rosen in einem Park zu schreiben, ihr Eingebundensein in den Lebensalltag der dort flanierenden und sitzenden Menschen, die sich am Anblick dieser Rosen erfreuen – wenn man dieses verwendet als Teilelement einer Geschichte oder eines Gedichts – dann werden die Park-Rosen transformiert, hinübergetragen in den künstlerischen, poetischen Bereich. Dasselbe könnte ein Maler tun.

Oder eben der Mensch an sich, so wie es Joseph Beuys behauptet hat und es vorgelebt hat. Jeder Mensch als Künstler. Als Gestalter seiner Umgebung – alleine durch seine Wahrnehmung – und mehr noch, durch sein aktives, freudiges Mitgestalten, Verändern des Vorhandenen – es in Bezug setzen zu Weitentlegenem.

Womit wir wieder bei dem oben angesprochenen Thema wären: Wir sind Schöpfer unserer eigenen Realität. Einerseits können wir gar nicht anders – können unserem Schicksal als Schöpfer nicht entfliehen – andererseits lässt sich diese Notwendigkeit steigern: gewissermaßen eine Flucht nach vorne.

Wir verwenden ganz bewusst die Alltags-Gegenstände und Dinge – habe nur deren Abbild zur Verfügung in unseren Gedanken – das ist alles was wirklich erfahrbar und greifbar ist für uns. Ein Abbild der Natur, des Ursprünglichen . Aber indem wir dieses Manko bewusst einsetzen, um als Künstler zu wirken, verwandeln wir es in eine Stärke: der Alltag wird zu Kunst. Der Mensch zum Künstler seines Daseins.

Wem das nun zu gekünstelt ist, wer sich zurücksehnt zu der Natur der Dinge, zum Ursprung – was wäre dem zu raten? Soll er die Leere suchen, die Vermeidung des Alltags? Ich finde es äußerst kreativ und einfallsreich, was die Weisen aus Asien zur Leere gesagt haben. Verschiedene Abstufungen dieser Leere.

Es scheint, als könnten wir der eigenen Kreativität auch im Bereich der Leere nicht entkommen. Ist das ein Fluch, Segen, Schicksal? Das Erbe, was wir mitbekommen haben und auf das uns Joseph Beuys aufmerksam gemacht hat: Der Mensch kann gar nicht unkünstlerisch sein. Aber er kann sich steigern. Egal auf welchem Gebiet.

Wenn alles Kunst ist, dann bietet auch ein jeglicher Beruf Möglichkeiten und Chancen der Ausbreitung und Ausübung von Kreativität und Kunst. Es ist, wie auch das Philosophische – eine Ansichtssache.

Man kann die banalste Tätigkeit meditativ verrichten, kann aus ihr Erkenntnisse gewinnen, schöpfen. Unentwegt. Mag sein, dass man sich nach so viel Kreativität in seinem Leben dann nach einer Ruhepause sehnt – nach der Leere. Dem Abschalten. Unschöpferisch sein.

Dann lassen wir die anderen schöpferisch sein und genießen deren Werke: im Kino, vorm Fernseher, bei einem spannenden oder humorvollen Buch. Tja – wenn das möglich wäre. Tatsache ist vielmehr, dass jedes Kunstwerk der Mithilfe, der Mitwirkung des Betrachters bedarf. Ein Gemälde will erschaut sein. Auf Musik muss geachtet werden – um sie würdigen zu können als Kunstgenuss.

Was und wie man selektiert, das bestimmt die Kunst-Wirkung. Achtet man nur auf das Störende, dann zerstört man sich selber den Kunst-Genuss. Ebenso mit dem Alltags-Erleben: wenn wir Künstler sind im Erleben und Empfinden, durch unsere Wahrnehmung mitgestalten, durch Betrachtungsweise und Art der Selektion, dessen was wir uns widmen – dann haben wir auch die Macht, die Realität als Kunstwerk zu zerstören, sie nicht gelten zu lasen. Sie als fehlerhaft zu monieren.

Wir verlangen Rückgabe, Umtausch. Ein neues Leben. Und da sind dann die Buddhisten eindeutig im Vorteil. Sie haben weitaus mehr als die sieben Leben einer Katze. Beneidenswert.

http://www.bookrix.de/_groupforum-de-lebenslicht.html

Lebenslicht

Forenbeitrag Nr. 13 von Sandwich

Betäubtes Leben

Wenn die Narkose sich verflüchtigt:

Wenn der Docht des Lebens zu Ende

geht und schwach, noch die Flamme

weht. Das Geschaffene noch mal zu

loben, wird einst alles sein,ganz

vergessen, wie ein Nebelzug in so

mancher frühen Morgenstunde, alle

Träume und Erinnerungen, das wird

als ein Rauch zerrinnen.

Alle Zeiten sind dann verstrichen

alles Erlebte fast uns verblichen

Wohin werde ich dann kommen, wenn

das Lebenslicht erlischt. Himmels

freuden möchte ich erreichen dann

bin ich dort da mit meinen wieder

vereinigt, wie einst in der Zeit,

des Kind seins.

(Sandwich)

Das Licht ist nur Licht, solange es sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt.

Es definiert sich durch seine Bewegung, seine Bewegtheit.

Wenn wir Menschen es wagen, ruhig zu brennen wie eine unbewegte Kerzenflamme, die von keinem Windhauch angeweht wird – wie wird es uns dann ergehen?

Die Ruhe, die Unbewegtheit suchen wir nicht bewusst. Wir meiden sie.

Tätig sein als Selbstzweck.

Beständige Flucht vor der Langeweile.

Doch sich bewusst mit der Langeweile zu konfrontieren – die Ruhe, den Moment nicht auszufüllen mit irgendetwas, sondern die Leere leer sein lassen – wird man so gelassen?

„Wohin werde ich dann kommen, wenn das Lebenslicht erlischt?“

Ist die Bewegtheit für uns ‚conditio sine qua non‘ – hören wir auf zu sein in der Ruhe, in der Unbewegtheit, so wie das Licht aufhört zu existieren, wenn es still stünde?

Ist das Licht deswegen rastlos unterwegs, immer auf der Flucht vor seiner eigenen Vernichtung, die ihm droht bei Stillstand?

Wenn die Flamme erlöscht, dann: „alle Träume und Erinnerungen, das wird als ein Rauch zerrinnen?“

Wovon nähren wir die Kerzenflamme, den „Docht des Lebens“?

Wieso heißt es ‚Wachs‘, der wächst doch nicht – im Gegenteil.

Die Lebensflamme – begierig nach dem Wachs – würde sie ewig brennen, wenn sie ewiglichen Vorrat hätte an Wachs?

Sind es Stammzellen oder ist es die Liebe – was hält unser Lebenslicht am Brennen?

Schönes Gedicht. Hat Spaß gemacht über die verwendeten Metaphern nachzudenken.

http://www.bookrix.de/_groupforum-de-kriegsgen-und-harmonie-gen.html

Kriegsgen und Harmonie-Gen

Ich habe zu diesem Thema eine Kurzgeschichte geschrieben:

Kain Mörder?

http://www.bookrix.de/_title-de-phil-humor-kain-moerder

Ein Kriegsgen ist hilfreich, also wird es implantiert. Nicht ausgemerzt, sondern im Laufe der Generationen weiter verbessert. Die Natur fragt nicht nach den Folgen, sondern entscheidend ist, ob es dem momentanen Überleben dient: ja oder nein.

Doch ein Gegengewicht haben wir: die Einsamkeit erträgt der Mensch schlecht – auch deshalb, weil es sich im Rudel besser jagt. Gemeinsamkeit macht stark.

Dieser Tatsache verdanken wir das Pendant, das Gegenstück zum Kriegseifer und dem Kriegsgen: das Harmonie-Gen.

Ob es dem Kriegsgen und dem Harmonie-Gen so ergehen wird wie den beiden Brüdern Kain und Abel?

Hoffen wir das Beste.

http://www.bookrix.de/_groupforum-de-harmonie-gen-1.html

Harmonie-Gen

Wenn man sich die Begeisterung anschaut der Leserinnen für Vampir-Helden, von denen sie gar nicht genug bekommen können und von denen sie schwärmen – dann scheint das Böse ja einen gewissen Reiz auszuüben auf die weibliche Seite der Menschheit. Und wenn man bedenkt, dass deren Partnerwahl entscheidend ist für die Richtung, in die sich die Spezies Mensch entwickelt – dann darf man mit Fug und Recht behaupten: die Frauen haben schuld. 🙂

So einfach ist es den schwarzen Peter von sich zu schieben und ihn loszuwerden.

Im Ernst, die Frauen haben bei der Partnerwahl stets die Männer bevorzugt, die eine gewisse Brutalität und eine Neigung zur Aggression hatten. Mag verständlich sein, denn die Herren der Schöpfung sollten ja auch tüchtig zuhauen können, wenn es darum geht das Revier und den Nachwuchs zu schützen.

Also doch Krieg aus Verteidigungsgründen heraus?

Das Harmonie-Gen, was ich erwähnte: damit meinte ich das, was in uns Menschen angelegt ist an Hinwendung, an Empathie-Potential und an Liebesfähigkeit.

Das hätten wir alles nicht, wenn wir als Einzelgänger gedacht wären.

Wir sind Gruppenwesen, Herdentiere.

Deshalb der Zusammenhalt in der Gruppe einerseits.

Andererseits die Feindschaft gegenüber allem, was nicht zur Gruppe zählt.

Der Trick würde nun sein: alles das, was außerhalb der Gruppe steht in die Gruppe mit aufzunehmen. Genau dieses Phänomen tritt auf, wenn die Menschheit von außen angegriffen wird: dann würde sie sich als Gesamtheit begreifen, als große gemeinsame Gruppe den gemeinsamen Gegner bekämpfen.

Diesen Wechsel der Perspektive rechtzeitig hinzukriegen – noch vor den entscheidenden Kriegen – das ist der Trick.

Den Galliern gelang es zu spät: sie unterlagen Caesar. Haben sich zu spät und zu unentschlossen vereint.

Ebenso die Indianerstämme.

Nach innen wirkt das Harmonie-Gen: es eint, führt zusammen, zieht zum gemeinsamen Mittelpunkt mit magnetischer Kraft.

Nach außen – das ist die Hauptstoßrichtung des Kriegsgens.

Wo genau diese Gene lokalisiert sind?

Wo genau ist denn das Unterbewusstsein lokalisiert? Es sind Denk-Abstraktionen.

Ich wähle den Ausdruck Harmonie-Gen statt Friedens-Gen, weil ich das aktive Element darin betonen möchte.

Frieden kann auch ein passives Verhalten bedeuten, ein sich nicht Einmischen, sich Fernhalten von Konflikten, den anderen machen lassen – Toleranz eben.

Doch Harmonie – bemüht sich um mehr. Sie will aktiv versöhnen, Einklang herstellen: so wie bei den Tönen in einem Akkord. Es soll schön klingen, der Wohlklang ist angestrebt.

Ein Musiker ist auf Harmonie angewiesen. Er kann Disharmonie als Kontrastmittel einsetzen. Sparsam. Kann aus seiner gewählten Tonart ausscheren – gelegentlich – das steigert das Interessante an seiner Musik, an seiner Melodie. Doch sich mit den Gesetzen der Harmonie auszukennen, das ist notwendig für ihn.

Und genauso ergeht es uns Menschen als Gruppenwesen.

Zurückzufinden zur Harmonie, die Disharmonie nicht als absolut störend zu empfinden, sondern als Bereicherung zu integrieren. Allerdings kann ein Übermaß an Disharmonie ein Lied zerstören.

Den Krieg überwinden – das Kriegsgen überlisten mittels des Harmonie-Gens.

Hier das Rezept: Man erweitere in Gedanken die Gruppe.

Die eigene Gruppe nicht beschränken auf die nächsten Stammesangehörigen.

Sondern umfassender denken.

Das ist das Gebot der Nächstenliebe: Nicht nur der Allernächste ist dein Nächster sondern jedermann.

http://www.bookrix.de/_groupforum-de-die-macht-der-suggestionen.html

Die Macht der Suggestionen

Wenn wir erst mal erkennen, dass die Menschheit durch Krieg definiert ist, kann sie sich vielleicht davon befreien.

Glaube ist immer stärker als das Wissen: wenn ich weiß, dass ich über eine schmale Hängebrücke gehen könnte, die eine hohe Schlucht überspannt, aber mitten auf der Brücke ich den Glauben daran verliere – dann nützt mir das gesamte Wissen nichts, wie stabil die Brücke ist oder dass sie kaum schwankt, oder dass vor mir schon viele Menschen diese schmale Brücke überquert haben.

Es zählt einzig und alleine meine Glaube daran, ob ich es mir zutraue oder nicht. Sonst geht es entweder nicht weiter oder aber ich stürze in die Tiefe. Vor diesem Sturz bewahrt allein der Glaube an den Erfolg.

Wenn die Menschheit glaubt, sie sei vom Teufel besessen, er infiltriere sie mit seinen Gedanken und Taten – dann wird es wieder Zustände geben wie im Mittelalter, wo einer den anderen der Teufels-Bündnerei verdächtigte.

Wenn wir glauben, dass wir uns durch Krieg definieren: dann wird es so sein. Die Realität folgt dem Glauben bei Fuß.

Heilung kann aus solchem Vorgehen nicht entsprießen.

Wir alle unterliegen Massensuggestionen: sie bestimmen für uns die Realität; die Realität, so wie wir sie wahrnehmen.

Wenn es keine Ausflucht gibt von diesen Massensuggestionen – warum suchen wir uns dann nicht die aus, mit denen wir besser klarkommen?

Realität ist auf vielfache Art deutbar. Man kann diesen oder jenen Aspekt hervorheben und betonen.

Wir können aufgrund unserer Sinneswahrnehmung immer nur eine Perspektive wahrnehmen, nie den Gegenstand als Ganzes auf einmal erkennen.

Und zum Kern, dem Wesen des Gegenstandes und der Realität vorzudringen – das vermögen wir ohnehin nicht. Wir bleiben mit unseren Sinnesempfindungen haften am Äußerlichen.

Es wird gerne der Vergleich mit einer Zwiebel und der Zwiebelschale gewählt. Erkennen heißt: auch die inneren Zwiebelschalen bloßzulegen vor dem geistigen Auge.

Wenn der Arzt seinem Patienten sagt, dieses Mittel sei teuer aber wirke fantastisch – dann besteht gute Aussicht dass das Mittel hilft – auch wenn es lediglich ein Placebo ist – ein Scheinmedikament.

Unser Glaube bestimmt unser Weltbild.

Manche sagen: ‚Ich glaube nur das, was ich sehe‘.

Es gilt aber ebenfalls: ‚Ich sehe – ich kann nur das sehen – was ich glaube‘.

Unser Glaube beschränkt und definiert bis ins Kleinste, was für uns wie erfahrbar ist.

Letztlich ist alles Suggestion. Die gesamte Erfahrung des einzelnen und der Menschheit – alles nur Suggestions-Sätze.

Die meisten davon haben sich bewährt, deswegen werden sie weiter verwendet.

Doch manche Suggestions-Sätze sind aus Unbedacht und Gleichgültigkeit weiterhin am Wirken – werden weitergereicht von Generation zu Generation.

„Es erben sich Gesetz und Rechte // Wie eine ew’ge Krankheit fort; // Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte // und rücken sacht von Ort zu Ort. // Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;“ Goethe, Faust I, Vers 1972 ff.

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Über Euren Besuch und Eure Teilnahme dort im Forum würde ich mich freuen.

LG

Phil Humor

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Jesus und das Thomasevangelium

Jesus und das Thomasevangelium
Historischer Roman
ISBN-10: 3940445827 ISBN-13: 978-3-940445-82-7
170 Seiten, Taschenbuch, EUR 10,90

Zum Buch
Ich habe darin versucht mir diejenigen Berater zur Seite zu stellen, die kompetent sind, mir im Gespräch mit ihnen Auskunft zu geben über die ‚Wahrheit‘, die Deutungsmöglichkeiten des schwer verständlichen Thomasevangeliums.

Das Thomasevangelium wurde 1945 in Ägypten gefunden.
Es enthält 114 Aussprüche von Jesus.

Mich hat das Thomasevangelium fasziniert – und die bisherigen Deutungen schienen mir ungenügend zu sein, nicht konsequent genug.

Es unterscheidet sich erheblich von den übrigen Evangelien. Jesus tritt darin auf wie ein Wissender, der einerseits Probleme hat, sein Wissen verständlich zu machen – und andererseits befürchtet, dass es in falsche Hände geraten könnte.

Was ist so geheimnisvoll an Seinem Wissen? Warum muss man es sich selbst erschließen im eigenen Denkprozess? Er gibt einem lediglich Anhaltspunkte, Trittstufen gewissermaßen, die in den Fels gehauen wurden von Ihm, damit den nachfolgenden Berg-Aufsteigern das Ersteigern des Berges ein wenig einfacher gelingt. Allerdings kann Er die Wissenssuchenden nicht auf diesen Berg hinaufbugsieren: das würde Seiner Absicht zuwiderlaufen.

Denn es scheint, der Lohn des Nachdenkens, des Aufstiegs liegt im Selber-Erklimmen des mysteriösen Wissens-Berges, der wolkenverhangen dort oben endet in einem Bereich, den Jesus das Königreich nennt.

Vielleicht haben einige Leser Interesse daran, meine Protagonisten zu begleiten bei ihrem Aufstieg, bei Ihrem Versuch in möglichst hohe Höhen dieses Berges zu gelangen.

Das Vorteilhafte an diesem geistigen Erklimmens-Prozess: Wenn man abstürzt, bricht man sich nicht die Knochen, sondern darf sich höchstens wie Sisyphus fühlen, der erneut den Aufstieg dann beginnt.

Die Tritt-Hilfen, die sich im Thomasevangelium befinden sind vielleicht nach der Lektüre meines Buches leichter und offensichtlicher zu finden, zu entdecken. Wobei es meine eigene, absolut subjektive Interpretation ist.

Und ich behaupte keinesfalls, dass ich den Leser bis zu dem Gipfel des Berges leiten könnte. Aber wenn man sein Basislager ein, zwei Ebenen höher aufschlagen kann nach der Lektüre, dann dann ist zumindest ein Teil-Aufstieg schon gelungen.

Wobei das eigene Nachdenken des Lesers, das Mitdenken, das Angeregtwerden seine eigenen Gedanken kreisen zu lassen um diese 114 Aussprüche von Jesus, dringend erforderlich ist – und der eigentliche Zweck meines Buches.

Ich biete keine fertigen Antworten, sondern einige mögliche Antworten, geschildert aus der Perspektive von Petrus, von Maria Magdalena und von einigen weiteren Jüngern von Jesus. Auch ein Engel kommt zu Wort sowie ein einfacher Fischer und seine Tochter.

Das Thomasevangelium zu beleuchten aus unterschiedlichsten Perspektiven – das war meine Absicht. Ich habe deshalb die Dialogform gewählt und eine Szenerie am See Genezareth.

Gottes Stimme ist zu hören: er spricht mittels einer Flamme ihres Lagerfeuers zu ihnen, kommentiert ihre Erkenntnis-Fortschritte und scheint sich dabei sogar zu amüsieren. Vielleicht tut diese Prise Humor diesem ernsten, schwierigen Thema ganz gut.

Wer vor lauter Ehrfurcht erstarrt und nicht wagt Fragen zu stellen, wenn die Gelegenheit günstig ist, der versäumt eine großartige Chance zur Selbsterkenntnis, Welterkenntnis und Gotteserkenntnis. Wobei alle drei wohl zusammengehören.

Das Königreich erschließt sich nur demjenigen, der anklopft, der willens ist einzutreten – und der die Mühe nicht scheut, den Aufstieg in schwindelerregende Berges-Höhen zu wagen.

In diesem Sinne, wünsche ich uns allen einen guten Aufstieg.

LG
Phil Humor

Mein Interesse am Thomasevangelium

Es gibt einen Text – das Thomasevangelium – der wiederentdeckt wurde und darin stehen Textzeilen, die mich ansprechen, die mir etwas sagen wollen.

Es ist wie eine Stimme, die aus weiter Ferne mir etwas zuruft. Vom Wind verweht erreichen mich die Worte, manches ist kaum verstehbar. Ich höre genauer hin, versuche zu verstehen.

Es macht Spaß über so uralte Texte nachzudenken, die den vor uns Lebenden immerhin wichtig genug waren, dass man sie mündlich tradiert und dann festhält, bewahrt als Geschriebenes. Geschriebenes zerfällt. Spätestens nach 500 Jahren ist eigentlich die Grenze: wenn es dann nicht wieder kopiert, abgeschrieben wird, ist es für die Menschheit verloren.

Wie erweckt man tote Zeilen wieder zum Leben, wenn der Sinnzusammenhang, die Basis für die verwendeten Metaphern sich verändert hat? Zweitausend Jahre ist dann eine lange Zeit, wenn man bedenkt, wie seltsam manche von Goethes Zeilen heutzutage wirken, wie fremd und eventuell sogar lächerlich. Es kommt auf die Bereitschaft des heutigen Interpreten an: gibt er dem Text eine faire Chance?

Ich jedenfalls hatte Interesse an diesem Thomasevangelium. Ob ich es gedeutet habe sehr zur Freude der katholischen Kirche – das bezweifle ich. Ich bevorzuge den freien Umgang mit dem Text, auch wenn es ein ‚heiliger Text‘ ist.

Das ‚Heilige‘ muss sich erweisen bei meiner näheren Betrachtung: diese Freiheit nehme ich mir heraus. Wenn es heilsame Worte sind, die hinführen zum Leben – dann akzeptiere ich sie als ‚heilig‘. Das mag arrogant sein, aber es schränkt mich zumindest nicht ein bei meinen Interpretations-Versuchen.

Wenn Interesse besteht, dann stelle ich auch noch weitere Lese- und Hörproben meines Buches zur Verfügung.

LG
Phil Humor

Leseprobe und 30-minütige Hörprobe bei BookRix:

Jesus und das Thomasevangelium. Drei Youtube Hörproben zum Mitlesen:

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Buchinhalt
Einige Tage nach seiner Kreuzigung und Auferstehung
trifft sich Jesus mit einigen Jüngern am See Genezareth.
Auch Maria von Magdala, die Geliebte von Jesus,
beteiligt sich an ihren Gesprächen. Sie diskutieren über die
Lehre von Jesus und ihre Erlebnisse der vergangenen Tage.
Es ist auch ein Rückblick auf ihre drei gemeinsam
verbrachten Jahre.
Der Fischer Ruben und seine Tochter Sarah gesellen sich
zu ihnen. Die Jünger befragen Jesus vor allem zu den
Lehrsätzen, die später im Thomasevangelium stehen.
Gemeinsam erörtern sie die Bedeutung dieser schwer
verständlichen Lehrsätze.
Einige Wunder geschehen während ihrer Gespräche.
Der Engel Ephraim erscheint und bringt himmlische
Geschenke mit. Die Stimme Gottes spricht zu ihnen durch
eine Flamme aus dem Lagerfeuer.
Die Jünger bereiten sich auf ihr Apostel-Amt vor. Von den
Jüngern sind anwesend: Jakobus, der Bruder von Jesus;
Petrus und sein Bruder Andreas; Matthäus; Thomas.
Der Jünger Thomas schreibt dabei die Zitate von Jesus auf
eine Schriftrolle und es entsteht:
Das Thomasevangelium.

Das Thomasevangelium wurde 1945 in Ägypten gefunden.
Es enthält 114 Aussprüche von Jesus.

Jesus und das Thomasevangelium

Jesus und das Thomasevangelium. Leseprobe

Petrus bringt Jesus einen Becher Wasser. Petrus: »Du bist wahrlich wieder hier. Gesund, unversehrt. Wie geht das zu? Du hast uns vieles gesagt und angedeutet. Ich selber deute unentwegt Deine Sätze, Sprüche, Gesten. Du bist mir nach wie vor ein Rätsel. Woher kommt Deine Überzeugung? Deine Kraft Dich hinauzudenken über das Althergebrachte und Bewährte? Es sind viele Fragen auf einmal, und ich weiß, Du wirst keine davon beantworten. Du wirst die Menge meiner Fragen noch um eine weitere vermehren und ich werde noch ratloser vor Dir stehen. Bist Du deswegen zurückgekommen? Um mich, um uns, noch mehr zu verwirren, auf dass wir wachgerüttelt werden aus dem Vertrauten und uns aufmachen das Unvertraute zu erforschen mit wachem Blick? Ich bin von solchen Gedanken schon ganz müde. Wo soll das hinführen? Du hast ein Wunder vollbracht oder an Dir vollbringen lassen. Wie sollen wir Dir nacheifern, folgen können, wenn wir nicht einmal die Hälfte verstehen von dem, was Du planst oder sagst? Denn ich gestehe: Wir Jünger nicken oft zu Deinen Worten und tun so, als hätten wir verstanden. Doch hinter Deinem Rücken gestehen wir einander ein, dass wir nichts verstanden haben; nicht einmal eine Ahnung haben, wovon Du wieder geredet hast. Ich bitte Dich, flehe Dich an, sprich deutlicher zu mir nun; dieses eine Mal. Und verzeih mir meinen Unverstand. Wie soll ich die Menschen etwas lehren, was ich selber nicht begreife? Du sagt der Heilige Geist würde mir helfen. Ich vertraue darauf. Aber ich ahne doch, dass Du nicht mehr lange bei uns bleibst, nicht mehr ansprechbar sein wirst in dieser Unmittelbarkeit. Du wirst dann noch weiter entfernt sein als zuvor.«

Petrus nimmt einen Schluck Wasser von seinem eigenen Becher und blickt Jesus an. Jesus legt ein Holzscheit nach auf das Lagerfeuer und blickt auf den See. Maria von Magdala kommt aus dem Wäldchen und setzt sich zu ihnen. Sie trägt einige Äste und Zweige. Diese legt sie neben das Lagerfeuer.

Petrus: »Das ist typisch; immer wenn ich die belehrende Nähe meines Meisters suche, erscheinst Du, Maria. Ich wäre so gerne ungestört, nur ein einziges Mal. — Das stimmt nicht, eigentlich viele Male, denn die Unmengen, die ich an Fragen habe, die lassen sich nicht erschöpfend behandeln in einem kurzen Plaudergespräch.«

Maria: »Du bist seit Jahren in der Nähe von Jesus. Beklage Dich nicht bei mir, wenn Dein Verstand nicht fassen kann, was Dein Meister spricht. Ich habe hingegen fast alles verstanden. Doch mich würdest Du ja niemals fragen, ob ich Dir beim Deuten behilflich sein könnte. Ich bin nur eine Frau, eine Handbreit entfernt von dem Sklavengesindel; so siehst Du mich doch, nicht wahr? Der Reichtum meines Vaters, meine Bildung, meine Belesenheit, meine Anmut — das alles erhebt mich nicht in Deinen Augen auf Augenhöhe mit Dir, Du großer Petrus. Großer Fels, der Du bist, männliches Urgestein, an dem dennoch die weisen Worte abperlen wie Regenwasser. Dringt keines dieser Worte in Dich hinein? Öffne Dich der Weisheit, sei weniger ein Stein, ein Fels, sei vielmehr wie das Moos oder das Gras, was das Wasser aufsaugt, in sich aufnimmt — und das Wasser wird ein Teil von ihm. Vielleicht ist es Deine Felseneigenschaft, die das Wasser abperlen lässt. Diese rhetorische Frage stellt eine unwissende Frau. Überhöre einfach meine Frage, wenn sie Dir zu lächerlich erscheint oder ich Dir zu unwürdig.«

Sie gießt sich einen Becher Wein ein und fragt Jesus: »Möchtest Du auch einen Schluck Wein? Ich habe diesen Weinkrug eben geschenkt bekommen von den Fischern dort drüben.«

Petrus: »Du siehst doch, dass er meinen Becher Wasser mit Behagen trinkt. Warum willst Du meinen Becher verdrängen durch Deinen Wein? Willst Du mich auf jedem Gebiet verdrängen? Ich kann es Dir nicht verübeln. Kühn habe ich mich nicht benommen. Dreimal habe ich Dich verraten, Jesus, so wie Du es mir geweissagt hast. Jetzt frage ich mich, ob ich Dich deshalb verraten habe, weil Du es mir geweissagt hast. Denn empfänglich bin ich für Deine Worte und Einflüsterungen. Du steuerst uns mit Deinen Suggestionen, dass es über das erträgliche Maß hinausgeht — manchmal. Sei nicht aufbrausend deswegen, aber Judas Ischariot hast Du gehörig zugesetzt mit Deinem Reden von Verrat und Verräter und wer es denn sei, der Dich verraten würde und wann; und mit jedem Detail hast Du es ihm unter die Nase gerieben, was er zu tun habe zum rechten Zeitpunkt. Wenn das keine Suggestion war, dann will ich nicht mehr Petrus heißen; dann suche Dir einen anderen Felsen; oder suche Dir Moos und Gras, auf das Du Deine Kirche bauen kannst. Doch ob sie dann noch so feste steht? Man darf’s bezweifeln. Ich wäre gerne der große, mächtige, dauernde Fels. Doch kleinmütig bin ich geworden durch meinen Verrat an Dir; und meine Unwissenheit erscheint mir übermächtig groß; größer als je zuvor, wo ich nun vor Dir sitze, dem größten Wunder, was Die Menschheit erlebt hat bis hierhin. Wie soll es nun weitergehen? Ich war Deiner Weisheit nicht gewachsen und Deinen Wundern stehe ich ratlos gegenüber; staunend wie ein kleines Kind. Ich soll aufstehen und die Menschen lehren? Predigen? Was? Kein Heiliger Geist kann aus einem unwissenden Kinde einen weisen Redner machen, der auszuschütten hat aus der Fülle seiner Weisheit. Ich bin kein lebender Quell, wie Du es von Dir behauptest. Die letzte Hoffnung ist bei mir am Versiegen. Schau zu Maria: Sie scheint begriffen zu haben, worauf es ankommt; sie ist frohen Mutes und ich bin gedankenschwer; aber alle diese Gedanken ergeben keinen Sinn, keinen Zusammenhang. Sie schwirren lose umher wie Mücken im Abendlicht umeinender kreisen. Ich schaue ihrem Tanze zu mit Erstaunen; so viele Mücken, gesteuert von unsichtbarer Hand, scheinen sie gefesselt zu sein, eingesperrt auf einen kleinen, beengten Raum. Schwirren umeinander, kommen voneinander nicht los.«

Maria: »Also ist da doch ein Zusammenhang. Deine Gedanken gehören zueinander wie ein Mückenschwarm, es verbindet sie etwas. Sie gehorchen einem Gesetz. Es ist Struktur in ihrem Treiben, in Ihrem Schwirren. Entdecke die Zusammenhänge, die Beziehungen zwischen den Dingen. Sie sind das wirklich Bedeutende. Die Beziehungen sind es, die die Realität formen. Du siehst mich jetzt von der Seite, aus einer bestimmten Perspektive. Deine Ansicht von mir ist real. Jesus sieht mich von meiner anderen Seite, auch das ist real.«

Petrus: »Jetzt redest Du auch so verwirrend. Ich benötige ein Gespräch mit den Fischern dort drüben. Ein einfaches Gespräch über Fische, Wetter und die Getreidepreise. Etwas Normales, Verständliches. Danach sehnt sich mein Hirn. Aber ich will nicht jammern und klagen, ich freue mich auf die Mission, die Du mir zugedacht hast. Doch entweder ist mein Verstand nicht ausreichend oder ich habe die Zeit mit Dir schlecht genutzt. Da sitze ich vor diesem Rätsel von Mann und werde einfach nicht schlau aus ihm. Dass Du außergewöhnlich bist, das habe ich gleich gewusst; und deshalb bin ich mit Dir mitgezogen ohne Zögern. Doch das Ausmaß Deiner Außergewöhnlichkeit hat mit erschauern lassen. Und ich bin eventuell immer noch am Schaudern und Erschauern. Das wird es sein: das beeinflusst meinen Verstand und wirbelt ihn durcheinander, dass ich meine Gedanken nicht ordnen kann und den Zusammenhang nicht erkenne.«

Jesus: »Erkenne, was vor Dir ist — und was Dir verborgen ist, wird Dir enthüllt werden.«

Jesus hält Petrus den Weinkrug vor das Gesicht. Petrus: »In dem Weinkrug befindet sich Wein. Er ist mir verborgen. Aber ich sehe den Weinkrug und folgere daraus auf den Inhalt.«

Jesus dreht den Weinkrug herum. Er ist leer.

Petrus: »Kein Wein. Ich weiß, Du kannst Wasser in Wein verwandeln, aber Wein verschwinden zu lassen, erscheint mir nicht so praktisch. Da gibt es nützlichere Verwendungen für Dein Talent. Ich habe mich oftmals gefragt, warum wir nicht in Saus und Braus leben, statt bettelnd von Hütte zu Hütte zu ziehen.«

Maria: »Wir betteln nicht. Die Leute geben uns freiwillig, von sich aus, Brot und Wein. Sie tun es gerne, weil wir Ihnen auch etwas geben: Rat, Trost, Hoffnung; eine neue Sicht auf sich selbst und ihre Welt. Das ist eher ein Tauschgeschäft als Betteln. — Nun ja, ein wenig absonderlich finde ich es schon, dass ich Dir nicht helfen durfte mit dem Reichtum meines Vaters. Wir hätten es behaglicher gehabt.«

Jesus: »Der Reichtum meines Vaters ist um Unendliches größer.«

Petrus: »Das sind doch kindliche Streitereien. Mein Vater ist reicher als Deiner. Wo soll das enden? Wir sollen sein, wie die Kindlein, um ins Himmelreich, ins Königreich zu gelangen. Ich habe das bislang so gedeutet, dass ich offen sein soll, neugierig, nicht wertend mit gelehrtem Verstand, sondern unbefangen die Dinge nehmen, wie sie sind. Doch wie schwer ist es die gewohnte Sichtweise aufzugeben, sich zu verabschieden von Maß und Regel. Ich habe es bislang nicht geschafft zu sein wie ein Kindlein. Das Himmelreich werde ich wohl niemals sehen.«

Petrus lässt einen flachen Stein über das Wasser des Sees springen. Dreimal springt der Stein auf der Oberfläche des Wassers auf, dann versinkt er. Petrus sagt zu Jesus: »Du bist länger auf dem Wasser gewesen als dieser springende Stein. Ich habe Dich gesehen: auf der Oberfläche des Wassers bist Du auf dem See gegangen. Für Dich ist unsere Welt anders. Sie gehorcht anderen Gesetzen, wenn Du da bist. Wenn ich den Menschen es erzähle, dann starren sie mich ungläubig an. Einige auch gläubig. Und das macht mir Sorge. Woran fangen Sie an zu glauben? Dass die bisherige Ordnung der Dinge aufgehoben ist? Dass Wasser nicht flüssig ist? Muss ich gleichfalls über unflüssiges Wasser laufen können, um Kranke heilen zu können? Sind diese beiden Gaben miteinander verknüpft?«

Maria Magdalena lässt auch einen flachen Stein über das Wasser des Sees springen.

Petrus: »Viermal gesprungen. Besser als ich. Ich habe es nicht anders erwartet. Wenn ich wenigstens Redegabe hätte. Aber Moses war ja bekanntlich auch kein guter Redner. Gestottert haben soll er. Aaron musste für ihn sprechen zu dem Volke Israel. Doch Moses hatte guten Kontakt zum Herrn. Ich hingegen bin nur verwirrt. Ich könnte die Gebote und Sätze, die Du uns gesagt hast, niemals knapp und präzise zusammenfassen in 10 Gebote. Übersichtlich, merkbar, begreifbar. Ich habe nur einen Mückenschwarm anzubieten.«

Maria: »Und wo ist der Wein nun? Könntest Du ihn bitte wieder erscheinen lassen. Es hat mich Mühe genug gekostet ihn von den Fischern zu bekommen. Ich musste charmant sein, musste viel lächeln. Vom Lächeln habe ich jetzt noch Kieferschmerzen. Soll das alles vergeblich gewesen sein? Der Weinkrug war voll bis obenhin.«

Petrus: »Lachhaft. Du hast den Wein nur bekommen, weil Du dafür bezahlt hast mit drei Münzen. Ich habe es gesehen aus der Ferne. Der Reichtum Deines Vaters ist mit Dir, mein gutes Kind. Wie schön.«

Jesus wendet den Weinkrug und reicht ihn Petrus. Petrus: »Sapperlot, der Krug ist voll. Ist das nun transformierter Wein, oder der Original-Wein? Ich probiere ihn einfach. Wenn er himmlisch schmeckt, dann ist er von Deinem Vater.«

Petrus gießt sich etwas Wein in seinen Becher und trinkt. Petrus: »Fischgeschmack. Scheint hiesiger Wein zu sein und nicht aus dem Himmelreich. Oder gibt es dort auch Fische?«

Jakobus kommt von den Fischern herüber und setzt sich zu ihnen ans Lagerfeuer. Er hat einige Fische bei sich.

Jakobus: »Wir können nicht lange hierbleiben. Es hat sich herumgesprochen, dass Du wieder hier bist. Zurück aus dem Reich der Toten. Sieht man auch nicht alle Tage. Es gibt nur wenig Neuigkeiten; und bei einer solchen Neuigkeit — das will man mit eigenen Augen sehen. Ich kann die einfachen Leute verstehen. Auch ich starre Dich immer wieder an. Und kann es einfach nicht fassen. Mein Bruder zurück: frisch, munter. — Doch so munter scheinst Du mir gar nicht. Ist die Tatsache Deines Hierseins nicht Grund genug für Munterkeit? Du wirkst verändert. Gramvoller. Entrückter. Du warst schon immer weit in Gedanken entrückt von unsereins. Aber nun trennen uns wirklich Welten. Kann ich etwas tun, um Dich zu trösten? Denn des Trostes scheinst Du mir bedürftig — auf einmal. Es ist überstanden, und doch — Du bist verzweifelt; kann das sein?«

Jesus: »Ich sende Euch den Tröster, den Heiligen Geist. Doch Du hast recht, bedarf ich selbst nicht auch des Trostes? — Einsamkeit. Ich spüre Seine Einsamkeit. Die Einsamkeit Unseres Vaters. Hat Er nicht Söhne und Töchter die Menge? All diejenigen, die Seine Werke tun und Seinen Geboten folgen: Es sind Seine Kinder. Doch Seine Kinder leben in einer anderen Welt; Seine Welt ist leer. Der Schöpfer ist einsam. Die Schöpfung lange her. Es hat sich wenig verändert seitdem. Das Gleichmaß ist ermüdend, einschläfernd. Der Schöpfer hat Sorge einzuschlafen, zu entschlummern für alle Zeit. Lasst ihn teilhaben an Euren Werken, bietet ihm Erfreuliches, Neues. Zeigt ihm, dass seine Schöpfung wertvoll ist und nicht vergebens. Habt Freude am Sein.«

Jakobus: »Du klingst anders. Besorgter. Magst Du sprechen darüber, was Du erlebt hast fern unserer Welt?«

Jakobus legt die Fische, die er mitgebracht hat, ins Lagerfeuer. Jesus nimmt Marias Hand und hält sie fest.

Jesus: »Ich bliebe gern bei Euch. Der Mensch braucht ein Gegenüber, um zu erfahren, was Liebe ist. Maria hat recht. Das Reale, das Wirkliche, das sind die Beziehungen. Das sind die Dinge zwischen den Dingen. Ihre Verbindung. Die Liebe schwingt von mir zu Dir. Wie das Licht. Es hat nur Bestand in der Beziehung. Einer sendet, der andere empfängt. Geben und Nehmen. Wenn Du einsam bist, bist Du fern der Liebe.«

Maria gibt Jesus einen Kuss.

Maria: »Du willst die ganze Welt trösten und ihr die Liebe Gottes bringen, doch Du zitterst. Es ist nicht kalt. Das Erlebte lässt Dich frösteln. Es war eine unvergleichliche Tat. Unerhört und noch nie dagewesen. Ein Opfer unglaublich groß und edelmütig. Gestatte Deiner Seele zu schaudern vor der Unendlichkeit des Nichts. Wer den Abgrund gesehen hat, die Tiefe, die unendlich ist, dessen Seele sehnt sich nach Geborgenheit und der Nähe eines Seelenverwandten. Ich rühme mich, Dir seelenverwandt zu sein. Nicht verwandt wie Dein Bruder Jakobus. Aber vertraut miteinander durch gemeinsame Jahre. Du hast mir vieles anvertraut, was Du Deinen Jüngern nicht erzählt hast. Soll ich es auf immer für mich behalten, bei mir verwahren? Ich tue es, wenn Du es wünscht. Doch wichtig erscheinen mir Deine Gedanken und gern möchte ich sie mitteilen der Welt; und die Menschen bedürfen der Deutung Deiner Taten und Deines Wirkens. Lass sie nicht ratlos stehen. Ich weiß, Du verlangst viel von Deinen Gefolgsleuten. Eigenes Verstehen und Begreifen. Eigenes Denken und Schlussfolgern. Doch die Menschen sind nicht wie Du unablässig bemüht gewesen um Erkenntnis und Einsicht in Gottes Wirken und Tun. Sie haben ihren Alltag, ihre täglichen Sorgen. Da kann der Blick nicht unentwegt gerichtet sein in die Ferne; sondern auf die Nähe konzentriert sich ihr Blick, auf das Naheliegende, auf die Pflicht des Tages. Sie könnten Deinen weitreichenden Plänen und Gedanken nicht folgen. Es fehlt ihnen die Übung, die Gelegenheit und die Zeit. Wer Dich erkannt hat, der hat alles stehen und liegen lassen und ist Dir gefolgt; doch erwarte das nicht von jedermann, erwarte es nicht von der ganzen Welt.«

Jesus lächelt und sieht Maria an. Jesus: »Du bist die Welt für mich. Wenn ich verzweifelt war, der Widerstand der Welt mich traurig stimmte, dann warst Du bei mir: in Dir erblickte ich die Hoffnung, das Licht, was ich manchmal aus den Augen verlor. In Dir erblicke ich Gott. Gott kann alles sein, jedermann, jede Frau. Denke Ihn Dir als das, was Du liebst und begehrst. So ist es, als ob Gott sich selbst gegenüber steht: zweigeteilt und doch als Eines. Geteilt und doch nur Eines. Wie ein Ginkgo-Biloba-Blatt. Oder wie meine beiden Hände.« Jesus legt seine beiden Handflächen flach aneinander wie zum Beten.

Jakobus: »Sie haben Dich alle verraten. Nicht nur Judas. Die Menge, jeder Einzelne. Gelehrt hast Du sie jahrelang. An Deinen Lippen haben sie gehangen. Gehofft auf ein Wunder von Dir, dass Du sie errettest aus Seelennot und Seelenqual. Ihre körperliche Pein hast Du ihnen genommen, sie geheilt, die unheilbar waren. Doch sie alle haben Dich verraten. Keiner stand zu Dir in Deiner Stunde der Not. Als Du sie am bittersten brauchtest, da waren sie fern von Dir. Haben Dich mit Ihrem Hass und Spott übergossen. Weshalb? Es war nicht befohlen. Kein Römer kann so etwas anordnen. Das Kreuz hat Dich getötet. Was hat Dich auferstehen lassen? Doch nicht die Liebe der Menschen. Du warst am Kreuz der Liebe der Menschen so fern, wie nur einer sein kann. Und doch ist mir, als spüre ich nicht unendliche Verbitterung und Ohnmacht in Dir. Du hast triumphiert über Menschenseelen und ihren Hass. Ist ihr Hass von Dir abgeperlt wie das Wasser von einem Fels? Ist kein bisschen von diesem Hass in Dich hineingedrungen und hat Deine reine Seele vergiftet und verunreinigt? Wenn dem so ist, dann ist das für mich das größte Wunder, was Du bislang geleistet hast.«

Jesus: »Ich bin mir nicht sicher. Ich habe es erwartet, wie ich alles im Voraus gewusst habe. Mein Vater hat mir diese Gabe gegeben: die Vorausschau, die Sicht auf das, was mich erwartet und was die Menschen erwartet. Wünsche Dir nicht diese Gabe. Denn sie ist verknüpft mit der Bedingung gehorsam zu sein, seinem Schicksal nicht auszuweichen. Kann man auf das Übel vorbereitet sein, sich wappnen wie ein Krieger sich wappnet für die Schlacht? Welche Rüstung lege ich an, welchen Brustpanzer und welches Schild wähle ich, was mich schützen kann vor dem hasserfüllten Blick einer johlenden, kreischenden Menge? Wie wappnet man sich davor, auch wenn man es Jahre im Voraus weiß, dass es geschehen wird?«

Jakobus: »Keiner hätte es besser ertragen als Du. Die Entwürdigung ist es, was uns Menschen zerstört. Schneller, erfolgreicher als jede Seuche. Wir suchen den Beifall, die Zustimmung unserer Mitmenschen, wollen geborgen sein in ihrer Liebe. Die Liebe zu unseren Nächsten, die ist es, die uns abhält das Böse zu tun, ihnen zu schaden. Du forderst, dass ein jeder unser Nächster sei. Um jedermanns Liebe sollen wir uns bemühen: die Nächstenliebe sei unsere wichtigste Pflicht. Machen wir uns nicht abhängig von dem Wohlwollen unserer Mitmenschen? Doch Dein Beispiel lehrt mich, dass dem nicht so ist: ungeniert und ungehemmt stößt Du alle Welt vor den Kopf. Und besonders die Pharisäer haben unter Deinen wortreichen Angriffen zu leiden. Sie haben sich jahrelang geduckt, wenn Du sie überschüttet hast mit Deiner Wortmacht und mit Deiner Bildersprache. Deine kraftvollen Bildern hatten sie nichts entgegenzusetzen. Die Pharisäer sind wie die Hunde im Futtertrog der Rinder. Sie fressen nicht und lassen die Rinder nicht fressen. Mit solchen Vergleichen macht man sich Feinde. Du hast es darauf angelegt. Warum hasst Du diese Schriftgelehrten? Ist kein Platz in Deinem Herzen für sie?«

Petrus: »Wir haben die Pharisäer in uns, nicht wahr? Unser wertender Verstand, der vorgefertigte Meinungen und fertiges Wissen nutzt, um zu urteilen: Das sind unsere inneren Pharisäer. Habe ich recht? Die Rinder sind die Kinder. Sie könnten aus dem Futtertrog das Wissen fressen wie Heu.«

Maria: »Das wird den Kindern nicht schmecken.«

Petrus: »Kinder, die ins Himmelreich wollen und Pharisäer-Hunde, die das verhindern. Eine spannende Geschichte.«

Jesus: »Ich sollte meine Gleichnisse nicht zu knapp formulieren. Sonst steht Ihr hilflos davor und ich bin fern und kann Euch keine Hinweise geben, wie sie zu deuten wären. Könnte ich doch bei Euch bleiben. Ich habe meine Zeit schlecht genutzt. Das Meiste blieb ungesagt. Ich befürchte, Ihr könnt aus dem Wenigen, was ich Euch anvertraut habe, nichts rechtes anfangen. Ihr werdet mich missverstehen. Warum ist Erkenntnis so schwer zu vermitteln? Es ist kein Fisch, den ich Dir einfach hinüberreichen kann von meiner Hand zu Deiner Hand. Erkenntnis muss in Dir selber wachsen.«

Petrus: »Ich soll einen Fisch in mir wachsen lassen? Womöglich einen großen Hecht, der mich verdrängt aus mir selbst heraus. Gewiss, ich bin ein toller Hecht. Aber das ist mir zu wortwörtlich.«

Jesus seufzt. Jesus sieht Petrus an und sagt: »Ich werde Deine Späße vermissen, Deine Sehnsucht das Unfassbare zu fassen, mir nachzufolgen, mich zu begreifen. Du hast den rechten Verstand dafür, auch wenn es Dir nicht so scheint. Dein Humor wird Dir helfen die verborgenen Zusammenhänge zu erkennen und die Weisheit Gottes zu erlangen.«

Petrus: »Das traust Du mir zu? Ich hoffe Deine Suggestion wirkt auch diesmal. Dieses Mal wäre es mir sehr recht. Zu gerne würde ich den Menschen berichten von Dir und deinen außergewöhnlichen Taten. Ich will dies auch ganz getreulich tun und nichts hinzufügen aus eigenem Gutdünken oder weil es mir unterhaltsamer erschiene. Doch so wirken zu können wie Du, segensreich und unerschütterlich, das wird mir wohl nicht vergönnt sein. Ich bin nicht ungeschickt darin Dich nachzuahmen, dein Tun zu kopieren. Doch die Menschen werden merken, dass ich nur eine Kopie bin, nicht das Original; nur ein Schatten, der nicht wirken kann, wie es das Licht vermag. Denn Du bist das Licht. In Dir scheint es hell und unvermindert — auch nachdem sie Dich ans Kreuz gehängt haben in ihrer Boshaftigkeit und in ihrer Unwissenheit. Ich kann Jakobus nur recht geben: dass das Licht unvermindert stark in Dir leuchtet, ist das allergrößte Wunder überhaupt. Du hast die Welt besiegt.

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Paris und Aphrodite. Amouröses Gedicht

Paris und Aphrodite
Amouröses Gedicht

PARIS.
Troja wird zerstört – und ich bin schuld.
Weil drei schöne Göttinnen mich fragten,
Ob ich ihren Zwist wohl schlichten könnt.
Narr! Ich war gebannt durch ihre Schönheit.
Statt zu fliehen, erkürte ich die Schönste:
Aphrodite hatte mich verzaubert.
Als ich ihr den goldenen Apfel reichte,
Berührten unsere Hände sich ganz zart.
Sie belohnte mich für meine Gunst.
Gab mir Helena als Ehefrau.
Doch die Göttin ist’s, die ich begehr:
Aphrodite! Deine Gegenwart,
Deine Nähe, Deine Küsse, Deine …

Ach, ich bin gefesselt an mein Schicksal.
Vorbestimmt war’s mir, ich bring das Böse:
Kalchas hat es prophezeit. So sei’s!
Paris wird die Fackel Trojas sein.
Bringt Feuer und Verderben! Und kein Ausweg?
Irrt Kalchas sich denn niemals? Und wenn doch!
Welcher Heros rang sein Schicksal nieder?
Wer bezwang mit Willensstärke, Kraft,
Diesen übermächtig großen Gegner:
Schicksal ist das größte Ungeheuer.
Könnt ich dich besiegen mit Innerem Feuer?
In mir soll es brennen! Nicht in Troja!

Hätt ich wahre Liebesglut in mir,
Hätt ich Aphrodite nur bei mir.
Hab ich Helena denn je gewollt?
Unerreichbar war die Göttin stets.
Paris nahm vorlieb mit ihrem Schatten.
Denn ein Schatten nur ist Helena,
Wie wir Menschen allesamt: nur Schatten.
Göttinnen und Götter stehen im Licht.
Sie agieren – und tragen in sich das Licht.
Ist’s ein Wunder, dass meine Seele träumt?
Träumt vom Licht, was ich einst berührt.
Aphrodites Hände spürte ich.
Nannte sie die Schönste – doch sie entwich.
Welch ein Leben hab ich da versäumt?
Hätt ich’s wagen sollen? Sie verführt?

Warum muss ich meinem Schicksal folgen?
Brav dem Schicksal hinterher nur trotten.
Troja und auch Paris werden verrotten.
Welchen Sinn, Gewinn hat mein Gehorsam?
Kühn sich hoch aufschwingen zu den Göttern.
Buhlen dort um ihre Gunst und Achtung.
Damals hielt ich mich für einen Hirten.
Wusste nichts von meiner wahren Herkunft.
Trojas König Priamos: mein Vater.
Ich ein Prinz; viel edler als gedacht.
Wenn wir Menschen alle so gemacht?
Wenn wir edel sind und es nicht wissen?
Schlummert Edles, Göttliches in uns?

Blick hinaus und sehe Trojas Elend.
Kann ich Trojas Untergang verhindern?
Paris trägt die Schuld. Doch ich bin Paris.
Meinen Fehler werd ich korrigieren.
Hab Helena gewählt, an mich gebunden.
Denn die schönste Frau, die wollt ich haben.
Was nur trieb mich, so verkehrt zu wählen?
Mich, die Welt und Helena zu quälen?

Woher kommt der Nebel, der mich einhüllt?
Diese dichte, weiße Nebelwolke –
So umhüllt, enthüllte sie sich mir.
Ist Aphrodite wieder hier bei mir?
Taste ich in dieser Nebelwand?
Bist du mir nah? Ich reich dir meine Hand.

APHRODITE (erscheint).
Mein geliebter Paris, ich bin hier.
Unverändert. Doch du hast dich verändert.
Das ist euer Privileg: der Wandel.
Menschen häufen Fehler an – und lernen.
Götter sind perfekt – sie langweilen mich.
Ist es wahr? Du hast die schönste Frau,
Dennoch sehnst du dich nach Aphrodite?
Welche Wünsche soll sie dir erfüllen?

PARIS.
Unverändert! Überirdisch schön.
Nicht aus meiner Welt – erhabene Göttin.
Nicht für mich bestimmt. Dein Anblick schmerzt.
Das Entbehrte nah bei sich zu haben,
Ohne es ergreifen, festzuhalten –
All dies nicht zu können. Doch bitte bleib.
Bleib noch eine Weile. Nicht enteile!

APHRODITE.
Was begehrst du? Ist es dieser Leib?
Diesen Anblick bist du doch gewohnt.
Gleich ich Helena denn nicht vorzüglich?
Ihrem Bilde nach erschuf ich mich.
Um dir beim Wettkampf zu gefallen, Paris.
Dieses Bild sah ich in deinem Geist.
Deinem Traumbild gleich ich nun. Bin dein.
Du erschufst, was du begehrst. Sei mein.
Halte mich in deinen Armen fest.
Ja, verein dich mit dem Göttlichen.
Ist dies Aufmunterung genug mein Held?

PARIS.
Wenn der Nebel kommt und dich mir nimmt,
Wird die Leere unerträglich sein.

APHRODITE.
Doch dieser Augenblick ist angefüllt
Übervoll mit unsrer Gegenwart.
Sei gewärtig mich zu spüren ganz.
Meine Seele wirst du schauen – zart,
Schutzlos und verletzlich – ist sie nackt.
Nicht gekleidet in goldenen Glanz.
Denn von dir geliebt zu werden, Paris,
Das steht nicht im Schicksals-Buch geschrieben.
Schreiben wir die Seiten neu. Beginn.

PARIS.
Wo beginnen? Wenn dein Mund mich ruft;
Deine Hände rufen auch nach mir.
Deine Beine, Schenkel wollen Beachtung.

APHRODITE.
Dann entscheide ich für dich – und schau:
Mein Gewand will fort von mir, es fällt.
Unbekleidet steht die Göttin nun.

PARIS.
Selig bin ich, dass ich Augen hab.
Meine Augen haben viel zu tun.
Was beneiden meine Hände sie.
Meine Augen sind schon glücklich tätig,
Während meine Hände scheu nur ruh’n.

APHRODITE.
Diesen goldenen Apfel gabst du mir.
Schöner sei ich als Athena, Hera.
Dieses war dein Urteil. Mir gefiel’s.
Warum wähltest du mich aus? So sprich.

PARIS.
Warum wähltet ihr mich aus? Der Grund?
War’s ein Scherz mit einem schlichten Hirten?
War’s ein böser Plan, von Zeus erdacht?
Auftakt für den langen Krieg in Troja?
Schwere Schuld trag ich nun seitdem mit mir.

APHRODITE.
Lass dich durch mein Küssen nur nicht stören.
Ich häng an deinen Lippen; hör dir zu.
Zeus allein hat dich nicht auserwählt.
Wir drei Göttinnen, wir wählten dich.
Über Schönheit urteilt der am Besten,
Der sie selbst im höchsten Maß besitzt.
Während meine Hand auf deinem Rücken
Über Muskeln wandert, wird mir klar:
Dich hab ich vermisst auf dem Olymp.
Uns’re Kinder könnten Götter sein.
Aufenthaltsberechtigt auf dem Berg –
Dort, wo jeder Sterbliche gern wäre.

PARIS.
Meinst du, dort zu sein, wär eine Ehre?
Die Olympier bilden sich sehr viel ein.
Macht zu haben, das macht Götter lieblos.

APHRODITE.
Vielleicht brauch ich deine Liebe deshalb?
Mach die Göttin menschlich. Halt mich fester.
Will es heut erfahren: Liebst du mich?
Oder liebst du diesen Frauenkörper,
Meine ausgeliehene Erscheinung.
Tausend Frauen kann ich sein, und mehr.
Mich verwandeln. – Doch ich lüge sehr.
Kann nur sein, was du in mir erblickst.
Deine Nähe bannt mich. Du bestimmst.
Siehst mich so, wie du mich sehen kannst.
Drum sind wir verwandt im Geiste, Paris.
Mann und Göttin sind in Liebe Eines.
Wie die beiden Seiten einer Münze.

PARIS.
Hab ich deshalb dich so sehr vermisst?
Lass Begierde sprechen, es ist Zeit.
Hören wir ihr zu. Ich bin bereit.

Bin mir meiner Existenz nicht sicher.
Ahn ich, dass ein Gott mein eignes Selbst
Besser darstellt, als ich’s je vermag?
Ein viel besserer Paris, höher, reiner.
So wie du als Göttin einer gleichst,
Die ich liebe: meiner Helena.
Menschen sind ein schwaches Abbild nur
Von Euch Göttern. Ihr seid einzig wahr!

APHRODITE.
Wer von uns ist Kunst und wer Natur?

PARIS.
Immer wenn ich deine Nähe spüre,
Dann kommt alles so vertraut mir vor.
So als hätt ich alles schon erlebt.
Alles, was mein Leben ausmacht – Trug.
Gaukelwerk, erzeugt von meinem Geist.

APHRODITE.
Ja, ich bin zu dir schon oft gereist.
Deine Sehnsucht zieht mich mächtig an.
Glaub mir, ich begehre nicht den Gott,
Sondern Paris, du bist’s als der Mann!

PARIS.
Tröstlich, das von dir zu hören – jedoch
Sonderbare Traumwelt, die mich hält.
Ist’s, als ob sie träumt die ganze Welt.

APHRODITE.
Kein Entkommen für dich – kein kleines Loch?
Wie zur Wahrheit finden? Ich bin hier.
Kennst die Szene – alles dir vertraut.
Leben ist Erinnerung, du merkst’s?
Alles das, was war – das wird sein.
Kreise und Spiralen sind die Bahnen.
Und auf diesen rollt das Leben – eben.
Wiederholung alles – nichts ist neu.
Gleich ich Helena und gleicht sie mir –
Wer von uns ist nun das Original?

PARIS.
Mich beunruhigt, dass du soviel mehr
Attraktivität besitzt als sie.
Wiederholung sei tatsächlich alles?
Dann darf diese Stunde wiederkehren?
Dich erneut und immerfort zu lieben!

APHRODITE.
So ist’s, mein Paris, wer sollt es dir verwehren?
Halt mich fest, erfreu dich nun an mir.
Gleiches plan ich frohgemut mit dir!
Ahnen wir, was kommen mag, was soll’s.
Tun wir so, als ob ganz unvertraut.
Mich noch niemals unverhüllt geschaut.

PARIS.
Soll ein Gott doch mir, dem Paris, gleichen!
Bin vielleicht nur Abbild, doch bin Ich!
Und in deiner Nähe bin ich’s gern.
Sei mein Morgen-, sei mein Abend-Stern.
Seelenteil bist du von mir, ich weiß.
Hab’s gespürt, als ich dir gab den Preis.
Preise deine Schönheit nun, oh Göttin.
Gäb den Apfel jederzeit nur dir.
Paris-Urteil: Du, die Siegerin.
Wahrlich, nur nach dir steht mir der Sinn.

APHRODITE.
Wie ich seh, steht dir nicht nur der Sinn.
Das ist gut so – sei dann in mir drin!

ENDE

© Phil Humor
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Coverfoto von Wikipedia
http://en.wikipedia.org/wiki/Enrique_Simonet

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